Buch 
Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / im Auftr. einer Konferenz schweiz. Mittelschullehrer umgearb. von W. von Arx und Ed. Haug. Dritter Band / obere Stufe
Entstehung
Seite
358
JPEG-Download
 

358

I. G. Herder.

mal Verständlichkeit genug, da von den meisten Kriegs- und Staatsaktionen, diein der Welt gespielt worden, der Jüngling so wenig richtige Begriffe hat, daß diesemeistens auch noch manchen Erwachsenen fehlen. Aber ist dies wahre Geographie?wahre Geschichte? Ist elende Nomenklatur eine Sprache? Ist ein Vokabelbuch, aus-wendig gelernt, denn das, was ein guter Schriftsteller ist? Und würde man nichteinen Menschen für sinnlos halten, der, um Lateinisch und Griechisch zu lernen,nichts als das Lexikon studierte? Und gerade das ist Geographie und Geschichte,wenn man sie bloß als Namenverzeichnis von Flüssen, Ländern, Städten, Königen,Schlachten und Friedensschlüssen gebraucht. Alle dies sind notwendige Materialien;aber das Gebäude muß davon erbaut werden, sonst sind sie Steine und Kalk,b. i. Schutt, au dem sich kein Mensch freut, in dem keine lebendige Seele wohnt.Die Farben sind dem Maler notwendig, aber er braucht sie zum Gemälde; als-dann erst erfreuen sie das Auge und unterrichten die Seele. Lassen Sie uns sehen,was das Wort Geographie uns schon seinem Namen nach sage!

Es heißt Erdbeschreibung; sonach ist die Kenntnis der Erde, überhaupt diephysische Geographie vor allem notwendig eine Kenntnis, die so wichtig alsleicht und angenehm unterhaltend ist. Wer wird das wunderbare Haus nicht kennenlernen wollen, in dem wir wohnen? den abwechselnden Schauplatz, auf den unsdie schaffende Güte und Weisheit zu sehen für gut gefunden? Die Erde also, eineKugel,, als einen Planeten kennen zu lernen, sich die allgemeinen Gesetze bekanntzu machen, nach denen sie sich um sich selbst und die Sonne bewegt, und wie da-durch Tage und Jahre, Klimate und Regionen auf ihr werden, dies alles mit derFaßlichkeit und Würde vorgetragen, die der große Gegenstand fordert: wenn das nichtden Geist erhebt und erweckt, was sollte ihn erheben und erwecken? Es gibt einem edelnJüngling einen Teil jener erhabenen Freude, die wir fühlen, wenn wir ScipiosTraum beim Cicero lesen oder eine erhabene Musik hören; denn diese Kenntnissesind eine wahre Musik des Geistes. Aus der größten Einheit von Naturprinzipienwird eine ungemessene Reihe von geographischen Folgen sichtbar, die wir täglichempfinden und genießen und von denen doch jeder Verständige Aufschluß wünscht.So wie ich von einem Jüngling einen schlechten Begriff hätte, der z. B. Fon-tenellensGespräch von mehr als einer Welt" ohne Vergnügen läse, so müßte eseine menschenähnliche Bildsäule sein, die bei den großen Gesetzen, die allgemein aufunserm Erdboden herrschen und wodurch er das, was er ist, ward, ungerührtbliebe. Lebenslang werden mir die Zeiten aus der Morgenröte meines Lebensauch im Andenken ein angenehmer Traum bleiben, da meine Seele diese Kenntniszuerst empfing und ich über die Grenzen nieines Geburtslandes hinaus in die weiteWelt Gottes, in welcher unser Erdboden schwimmt, entzückt ward.

Der Planet, den wir bewohnen, teilt sich in Erde und Wasser; jene stehtwie ein Berg hervor, zu dessen beiden Seiten wie aus einem piano inclinatoStröme rinnen; dies ist das große Behältnis von Wasser, aus dessen Dünsten,durch die Luft geläutert und durch die Höhen der Berge angezogen, die Quellenaller Fruchtbarkeit und Nahrung der Erde werden. Welche Fülle von schönen undnützlichen Kenntnissen, die in dieser Betrachtung ruhen! Wenn der Jüngling inGedanken jene hohen Erdrücken besteigt und ihre sonderbaren Phänomene kennenlernt, wenn er so denn mit den Flüssen hinab in die Täler wandert, endlich andie Ufer des Meeres kommt und überall andere Geschöpfe an Mineralien, Pflanzen,Tieren und Menschen gewahr wird, wenn er einsehen lernt, daß, was ihm in derGestalt der Erde sonst Chaos war, auch seine Gesetze und Ordnung hat, wie hier-nach und nach den Gesetzen des Klimas Gestalten, Farben, Lebensarten, Sitten