Denkrede auf Jean Paul.
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zur hellen Liebesflamme an. Darin hat er seinem Volke wohlgetan, darin war ersein Netter. Es gab eine Zeit, wo kein deutscher Jüngling, wenn er liebte, zu sagenwagte: „Ich liebe dich!" Zünftig und bescheiden, wie er war, sagte er: „Wir liebendich, Mädchen!" Hinangezogen am Spalier der Staatsmauer, hinaufgerankt ander Stange des Herkommens, hatte er verlernt, seinen eigenen Wurzeln zu trauen.Jean Paul munterte die blöden Herzen auf; er zuerst ivagte, das jedem Deutschenso grause Wort Ich auszusprechen, und wenn die Freiheit nicht darin besteht, daßman ohne Gesetze lebe, sondern daß jeder sein eigener Gesetzgeber sei, so war esJean Paul, der für unsere Enkel die Saat der deutschen Freiheit ausgestreut.
Jean Paul war der Dichter der Liebe, aus die schönste und erhabenste Weise,wie man dieses Wort nur deuten mag. Einst, in seiner J'uae nd. hatte er folgendenEid geschworen: „Großer Genius der Liebe! ich achte dein heiliges Herz, in welchertoten oder lebenden Sprache, mit welcher Zunge, mit der feurigen Engelszungeoder mit einer schweren, es auch spreche, und will dich nie verkennen, du magst wohnenim engen Alpcntal oder in der Schottenhülte, mitten im Glänze der Welt; unddu magst den Menschen Frühlinge schenken oder hohe Irrtümer oder einen kleinenWunsch oder ihnen alles, alles nehmen!" Er hat den Eid geschworen, und er hatihn gehalten bis in den Tod. Doch was ist Liebe ohne Gerechtigkeit? Die Mildedes Räubers, der dem einen schenkt, was er dem andern genommen. Jean Paulwar auch ein Priester des Rechts. Die Liebe war ihm eine heilige Flamme unddas Recht der Altar, auf dem sie brannte, und nur reine Opfer brachte er ihr.Er war ein sittlicher Sänger. Nie schmückte er häßliche Sünde mit den Blumenseiner Worte aus; nie bedeckte er eine unedle Regung mit dem Golde seiner Reden.Er hätte es vermocht, wenn er gewollt; auch er hätte vermocht, mit seinem mächtigenZauber dem frommen Tadlcr ein Lächeln abzuschmeicheln; aber er hat es nichtgetan. Er stritt für Wahrheit, für Recht, für Freiheit und Glauben, und niedeckte bei ihm die Flagge eines mächtigen Namens sündlich heilloses Gut, es denUngläubigen zuzuführen.
Die Trostbedürftigen zu trösten und als befruchtender Hinimel dürstende Seelenzu erquicken — dazu allein ward der Dichter nicht gesendet. Er soll auch der Richterder Menschheit sein und Blitz und Sturm, die eine Erde voll Dunst und Moderreinigen. Jean Paul war ein Donnergott, wenn er zürnte, eine blutige Geißel, wenner strafte; wenn er verhöhnte, hatte er einen guten Zahn. Wer seinen Spott zufürchten hatte, mochte ihn fliehen; ihn zu verlachen, wenn er ihm begegnete, warkeiner frech genug. Trat der Riese Hochmut ihm noch so keck entgegen, seineSchleuder traf ihn gewiß. Verkroch sich die Schlauheit in ihrer dunkelsten Höhle,er legte Feuer daran, und der betäubte Betrüger mußte sich selbst überliefern. SeinGeschoß war gut, sein Auge besser, seine Hand war sicher. Er übte sie gern, seinenWitz hinter Höfe und hinter Deutschland hetzend. Nicht nach der Bellte der Jagd ge-lüstete ihm; er wollte nur fromm die Felder des Bürgers und des Landmanns Äckervor Verwüstungen schützen. Von der Feder manches Raubvogels, von dem Geweiheund der Klaue manch erlegten Wildes könnten wir erzählen; doch lassen ivir unszu keinen Jagdgeschichtchen verlockeil in dieser sehr guten Hegezeit, wo schon straf-bar gefunden und bestraft wird, nur die Büchse von der Wand herabzuholen.
Freiheit und Gleichheit lehrt der Humor und das Christentum — beide ver-gebens. Auch Jean Paul hätte vergebens gelehrt und gesungen, wäre nicht dasRecht ein liebes Bild des toten Besitzes und die Hoffnung eine Schmeichlerin desMangels. Jean Paul hat gut gemalt, er hat uns zart geschmeichelt. Der Humorist keine Gabe des Geistes; er ist eine Gabe des Herzens, er ist die Tugend selbst,