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Karl Spittelcr.
Unendliche Stille, unendlich leer,
Das Schneetuch ein Laken ringsumher!
llnb eine Mühle vor uns im Land
Qualmt noch immer vom gestrigen Brand.
Da fällt mitten in meinem Berichte
Ein Schuß — ein Wölkchen an jenerFichte . . .
Mein Kamerad greift sich aus Herz soschnell,
Ein dunkles Tröpfchen, ein winzigerQuell,
In Eil' umfaß' ich ihn, er schwankt,er sinkt,
Leg' sanft ihn zur Erden — der Todhat gewinkt.
Das rote Blut auf dem weißen Schnee
Sticht trostloser ab als im grünen Klee.Im Westen die Mühle qualmt düsterempor,
Jin Osten die Sonne blitzt blendendhervor;
Bald bilden Gewehre die Trauerbahr',Soldatenarm stützt ihm das blonde Haar.Am Feuer der Feldivache liegt er gestreckt.Kein Bitten, kein Rütteln hat ihn geweckt.Es knistert, der Rauch umzieht meinGesicht:
Leb' wohl, Kamerad, ich vergesse dich nicht!Unter den Linden, vorbei ist der Spaß,Ich trinke bei Hiller ein stilles Glas,Ein stilles Glas auf ein fernes Grab;Dann wieder ins Leben bergauf, bergab!
I.
Norbei! vorbei! auf feuchter SpurIrrt trostlos nun mein Blick ins Weite.Vorbei! vorbei! die Möve nurGibt mir ein trauriges Geleite.
Nun kehrt auch sie; fernab, fernabIst längst mein Vaterland geblieben.Aus meiner Heimat, wo mein GrabIch schon gewählt, bin ich vertrieben.
Als gestern ich im AbschiedszornVoll Schmerz den Lindenzweig gerüttelt,Als ich den Rebhahn hört' im Korn,Eö hat ein Fieber mich geschüttelt.
Es wogt mein Schiff, es sinkt und hebt,Ein Sturmlied singen die Matrosen.
Es wogt mein Herz, es ringt und bebt,Es schlägt der Sturm den Heimatlosen.
II.
Aus Wogen taucht ein blasser Strand:Es schimmert fern durch meine TränenDes Vaterlandes Küstenrand,
Erschöpft muß ich am Mäste lehnen.
Der Flieder blüht, die Schwalbe zieht,Und auf den Dächern schmatzen Stare,Der Orgeldreher dreht sein Lied,
Ein linder Wind küßt mir die Haare.
Die Mädchen lachen Arm in Arm,Soldaten stehen vor der Wache,
Und aus der Schule bricht ein Schwärm,Der lustig lärmt in meiner Sprache.
Es schreit mein Herz, es jauchzt und bebtDer alten Heimat heiß entgegen.
Und was als Kind ich je durchlebt,Klingt wieder mir auf allen Wegen.
Abschied und Rückkehr.
73. Karl Spitkeler.
Die beiden Züge.
Horch, welch ein Jubel, welch ein Glockenhall!
Die Straße braust von Menschenwogenschwall.
Das ist ein Drängen, Wimmeln und Gewühl,Begeistrungshungrig und erwartungsschwül.
5 Da jauchzt der Aufruhr: „Platz! der Festzug naht!"Musik bricht an. — Wie ich aus Fenster trat,
Sah ich beim Bannergruß und FlaggenwinkenHalbarden glänzen, Morgensterne blinken.
Von Samt und Seide lachte Farbenlust,
10 Und frohe Andacht schwellte jede Brust.