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Band I.
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Sturm erlebt hatte und immer mit einigen Enzianen und Edelweissgeziert war. Quer über die Achsel trug er eine Schnur, an welcherein schön verziertes Ochsenhorn hing, womit er jeden Morgenzur Bergfahrt und jeden Abend zur Rückkehr seine Herde zusammen-rief. Bineli war eine ganz liebliche Erscheinung; er hatte ein Svolles, rundes Gesicht und Backen so rot, wie Stechpalmbeeren.Seine Augen waren blau und offen, wie der Himmel, seine Haareblond, freilich aber nicht in bester Ordnung.

Diesen Abend trug er in der Hand einen mächtigen Alpen-rosenstrauss. Er schaute immer und immer wieder auf denselben, 10als ob er damit einen Schatz gewonnen hätte. Wie er sich seinemDörfchen Bristen 1 näherte, begegnete er drei fremden, jungen Herren.

Sie waren sehr vornehm gekleidet und von einem Bergführer be-gleitet, der ihnen ihre Sachen trug. Einer von diesen Herren tratvor den Ziegenhirten hin und redete ihn gutdeutsch an: «Woher 15kommst du, lieber Knabe»? Der Knabe, etwas erschrocken, gabschüchtern zur Antwort: «Ich komme aus dem Ezlital und führemeine Ziegen heim». «Aber», fuhr der Fremde fort, «wo hast dudie wunderschönen Alpenrosen gepflückt, und was willst du damitmachen»? Der Knabe gab zur Antwort: «Droben, hoch an der 20Gemsfluh habe ich sie gepflückt und bringe sie ins Tal, um» —...hier erstickte die Stimme des Knaben, und er konnte nicht weiterreden. Der Herr bemerkte, dass Binelis Augen sich überzogenund mit Tränen füllten. «Wozu», versetzte jener etwas bestimmter,«hast du sie gepflückt»? Der Knabe antwortete traurig: «Morgen 25ist es ein Jahr, dass man meinen lieben Vater auf den Friedhofgetragen hat. Diesen Strauss habe ich nun gepflückt, um damitsein Grab zu zieren. O, der Vater war so lieb und so gut, und derliebe Gott hat ihn so frühe zu sich genommen» ! Der Fremde, sicht-bar gerührt, sprach nun zum Knaben: «Gib mir diesen schönen 30Strauss, und ich will dir dafür geben, was du forderst»! Der Zie-genhirt antwortete freimütig: «Und wenn Sie mir auch ein Gold-stück dafür geben, so trete ich Ihnen denselben nicht ab; dennmorgen ist der Begräbnistag meines Vaters, und ich hätte ja keineZeit mehr, einen zweiten Strauss zu holen». Der Fremde war von 35dieser Antwort ganz überrascht; denn er erkannte in diesen Wortenden Zug eines schönen Charakters, Festigkeit und ein liebevollesGemüt. Er bestand nun nicht länger darauf, den Alpenrosenstrausssich zum Eigentum zu machen, gab Bineli aber dessenungeachtetein Silberstück, dem auch die zwei andern je eine blanke Münze 40

1 Am Eingang des Maderanertales.

Schmid , Lesebuch ]. 2. A.ufl.

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