321. Der Löwe von Florenz.
1. Der Löw' ist los! Der Löw' ist frei!Die eh'rnen Bande sprengt' er entzwei!Zurück, daß ihr den sträflichen MutNicht schrecklich büßet mit eurem Blut!
2. Und jeder sucht mit scheuer Eil'
Im Innern des Hauses Schutz und $ei(;Auf Markt und Straßen rund umherWard's plötzlich still und menschenleer.
3. Ein Kindlein nur, sein' unbewußt,Verloren in des Spieles Lust,
Fern von der sorglichen Mutterhand,
Saß auf dem Markt am Brunnenrand.
4. Wohl viele sahen von oben herab;
Sie schauten geöffnet des Kindleins Grab;Sie rangen die Hände und weinten sehrUnd blickten zagend nach Hilf' umher.
5. Doch keiner wagt, das eigene LebenUm des fremden willen dahin zu geben;Denn schon verkündet ein nahes GebrüllDas Verderben, das jedermann meiden null.
6. Und schon mit rollender Augen GlutErlechzt der Löwe des Kindleins Blut;
Ja, schon erhebt er die grimmigen Klau'u;O, qualvoll, herzzerreißend zu schau'n!
7. So rettet nichts das zarte Leben,
Dem gräßlichen Tod dahingegeben?
Da plötzlich stürzt aus einem HausMit fliegenden Haaren ein Weib heraus.
8. „Um Gotteswillen, o Weib, halt ein!Willst du dich selbst dem Verderben weihn?Unglückliche Mutter! Zurück den Schritt!
Du kannst nicht retten; du stirbst nur mit"!
9. Doch furchtlos fällt sie den Löwen an,Und aus dem Rachen mit scharfem ZahnNimmt sie das unversehrte Kind
In ihren rettenden Arm geschwind.