Band 
Erster Teil.
Seite
121
JPEG-Download
 

— 121 —

123.

Basel, den 4. Mai 1905.

Hochgeehrter Herr Lehrer!

Entschuldigen Sie, daß ich heute nicht in die Schule komme.Meine Eltern müssen nämlich in Zürich an einem Leichenbegängnisseteilnehmen, und da sie meine kleinern Geschwister nicht ohne Aussichtlassen wollen, haben sie mich bestimmt, dieselben in meine Obhutzu nehmen. Gern hätte ich bei Ihnen um Erlaubnis zum Weg-bleiben aus der Schule nachgesucht; allein die Depesche aus Zürichtraf erst gestern abend ein, und so konnte ich nicht mehr zu Ihnengehen. Morgen werde ich mich wieder einstellen.

Mit Hochachtung und Liebe bleibe ich Ihr

dankbarer SchülerEduard Roth.

(Nach 21 Kleinschmidt, Briefe aus dem Kinderleben.)

124. Ottilie an Tante Julie.

Basel, den 4. Januar 1905.

Liebe Tante!

In unserer Nachbarschaft wohnt eine arme Witwe mit vierkleinen Kindern, deren jüngstes erst acht Monate alt ist. Durch dielangwierige Krankheit und den Tod des Vaters ist große Not beider Familie eingezogen. Die Armen vermögen kaum ihren Hungerzu stillen, und die Winterkälte vermehrt noch ihr Elend. Wir habenbereits für den ersten Bedarf an Nahrungsmitteln und Holz gesorgt;da wir aber wissen, daß auch Du den Armen gern hilfst, bitten wirwir Dich, nachzusehen, ob Du nicht getragene Kleidungsstücke ent-behren kannst. Wenn dies der Fall ist, so schicke sie recht bald;Du kennst ja das Sprichwort: Doppelt gibt, wer bald gibt.

Indem ich Dich im Namen meiner lb. Eltern herzlich grüße,verbleibe ich Deine treue Nichte

Ottilie.

(Nach Scherz u. Junghänel, Stilarbeiten.)