140
der ganze Leib binnen wenigen Tagen in einen so großenVerfall, daß alle Glieder zu welken und nach und nach ab-zusterben anfingen. Da erkannten sie ihre Torheit und wolltensich von neuem zur gegenseitigen Dienstbarkeit verbinden;aber es war zu spät: der Leib konnte bei solcher Entkräf-tung nicht mehr erquickt und wieder hergestellt werden. Undso wurden alle Glieder ihrer Empörung wegen bestraft.
(Campe.)
66. Die Schmarotzerpflanzen.
Mistel, Flechte und Baumwinde, drei arge Gesellen,kamen einmal von ferne her an einen Garten und sprachen zudem Feigenbäume darin: »Laß uns wohnen in deinem Schatten,und gönne uns ein Ruheplätzchen zwischen deinen Zweigen.“Aber der Feigenbaum antwortete und sprach zu ihnen: „Ichkenne euch. Soll ich meine Süßigkeit und Frucht lassen umeuretwillen?“ Da gingen die drei Gesellen zum Ölbaume undsprachen zu ihm: „Laß uns wohnen in deinem Schatten, undgib uns ein Räumlein zwischen deinen Zweigen.“ Aber derÖlbaum antwortete ihnen und sprach: „Ich kenne eure Weise,und sie ist mir wohlbekannt. Soll ich um euretwillen meineFettigkeit lassen, die hoch und niedrig an mir preist.“ Dagingen die drei Gesellen zum Weinstock und baten: „Laßuns ruhen in deinem Schatten und weilen zwischen deinenReben.“ Aber der Weinstock tat seinen Mund auf undsprach: „Man kennt den Dank, womit ihr lohnet, die euchaufnehmen. Soll ich um euretwillen meinen Most lassen, derdie Menschen fröhlich macht?“
Da sahen die Mistel, die Flechte und die Baumwinde, daßman sich vor ihnen fürchte, und wendeten sich und sprachen:„Lasset uns einen Ort suchen, da man noch nicht weiß, werwir sind, und unsere Natur nicht kennt.“ Und schickten sichals elende und erbärmliche Leute an und gingen zu einemandern Garten gen Mitternacht und sprachen zu den Bäumendarin: „Wir kommen aus fernen Landen und sind unschuldig