Band 
Fünfter Teil.
Seite
122
JPEG-Download
 

uns werden? Soll denn kein Stein auf dem andern bleiben?Lasset uns beten! . . . Wer kann beten? Ach, das Herz isterstarrt vor Weh und Grausen; die Zunge klebt am Gaumenvor Angst und Schrecken. Unsere Bußpsalmen verstummen wieder,der Kanonendonner würgt einem den Hals zu; aber das Jammernund das Stöhnen will kein Ende nehmen.

Es hat ins Schloß eingeschlagen, Spiegel. Leuchter, Möbelsind auseinandergefahren. Wer will da hinauf? „Geschwindherunter, 's ist nicht mehr möglich. Laßt in Gottes Namen fallen,was fällt, brechen, was bricht. Es darf niemand mehr denKeller hinauf. Ach! es brennt vielleicht über unsern Häuptern,und wir wissen's nicht." — „Wenn's aber brennt, wenn die un-geheure Steinmasse über uns zusammenbricht, dann werden wirja lebendig begraben unter den Trümmern!"

Der Gedanke peinigt das Herz mit Höllenangst. Ich schleichtdie Kellertreppe hinauf: das Geschoß hat nicht gezündet; auchdas Pfarrhaus ist noch unversehrt dort drüben. Aber im Ober-dorf steht eine ganze Reihe von Gebäuden in Flammen! — Esist drei Uhr. Der Entscheidungskampf rückt näher; es müssenKanonen im Garten, oder doch in nächster Umgebung stehen. DieMitrailleusen klirren in unaufhörlichem, haarsträubendem Knallen,unter jedem Schuß erzittert das ganze Gebäude. Wir sind jetztin unaussprechlicher Trübsal; Todesangst peinigt alle Herzen zumVerzweifeln. Jetzt erwachen auch die Kleinen und winseln undschreien; sie wollen hinaus, heim, heim! Wer kommt da dieTreppe herunter? Zwei bewaffnete Männer, keuchend, schäumend,todesmüde, der eine bluttriefend, beides fliehende Franzosen. Siesinken zu Boden, kauern sich unter die Fässer, und wir lassen esgeschehen. Wir denken nicht daran, welches Unheil ihre Gegen-wart über uns bringen könnte. —

Jetzt wird's stiller. Der Kanonendonner entfernt sich nachWesten. Wir atmen auf in der dunkeln, feuchten Tiefe. Nochein Schuß, noch eine Mitrailleuse, noch vereinzeltes Gewehr-knattern. Plötzlich hören wir starke Männerstimmen, mächtigeKolbenstöße auf die Platten des Hausflurs, „Hurra! Sieg! heraus!heraus! die Deutschen sind da!" (K.Klein, Fröschweiler Chronik.)