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Ferdinand Hirt's Berliner Lesebuch für die Grundschule
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Das Königsgrab von Seddin.

Vor vielen, vielen hundert Jahren lebte König Hinz in derPrignitz. Wer in sein Land kam, sah weite Getreidefelder undgroße Bauernhöfe. Weit und breit war er berühmt, und überallerzählten die Leute von goldenen und silbernen Geräten undSchmucksachen im Hause des Königs. Nirgendwo gab es einenKönig, der ebenso reich war wie er. Mancher der Nachbarnhätte gar zu gerh in dem reichen Lande geraubt und geplündert,hätte er sich nicht vor dem mutigen Könige und seinem tapferenHeere gefürchtet. Groß war die Trauer im ganzen Lande, alsder König starb. Noch im Tode wollte man ihn ehren, wienoch kein König geehrt war. Sein Volk legte ihn in einen,goldenen Sarg, den stellte es in einen silbernen und den wiederin einen aus Kupfer. Im Hinzberge bei Seddin, der heute dasKönigsgrab heißt, wurde König Hinz mit goldenem Schwerteund den besten Schätzen begraben. Seinen Fingerring und andereReichtümer vergrub man in die kleineren Hügel, die dicht beimHinzberge zu sehen waren. Niemand sollte sie erben.

Jahre gingen dahin. Der Bauer, dem nun der Hinzberggehörte, kam in große Not: Die Ernte verdarb, das Vieh starb,Krankheit fiel ein.Warum quält Ihr Euch so? fragte ihneines Tages sein treuester Knecht.Grabt doch den KönigHinz aus, verkauft seinen goldenen Sarg, dann habt Ihr Geldgenug!Man soll die Toten im Grabe ruhen lassen! ent-gegnen der Bauer und schüttelte sein Haupt. Doch die Sorgenwuchsen, und als er gar keinen Rat mehr wußte, rief er seinenKnecht:Komm, nimm Spaten und Hacke! Ich muß von denSchätzen im Königsgrabe borgen! Der Kaufmann in Perlebergwill sein Geld haben; Zinsen und Steuern bin ich auch schonlange schuldig. Wenn ich nicht bald bezahle, verkaufen sie mirmeine Wirtschaft! Sie gruben Tag um Tag, große Haufen vonSteinen hatten sie schon aufgebaut. Da trafen sie auf großeFelsblöcke; aber so sehr sie sich anstrengten: Die Felsblöckestanden fest, als ob sie angewachsen seien. Alle Arbeit warvergeblich! Traurig und mutlos ließ der Bauer endlich seineArme sinken:König Hinz will nicht, daß wir sein Grab be-rauben! Nun.muß ich doch meine Wirtschaft verkaufen, meineHeimat verlassen!

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