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Bei Tageslicht fanden wir unsere Wohnung 'sehr hübsch;— ein grosser Garten voll Blumen stösst. daran —. Der Hofduftet von Rosen: aber da die ganze Flucht der Zimmer zuebener Erde liegt, so sind sie etwas feucht. Das Wetter ist,obgleich schön, doch des Morgens so kühl, dass ich manchmaldenke, Fussteppiche und sogar ein Kamin wären nicht über-flüssig. — Was uns am meisten beschäftigt, sind die merk-würdigen und malerischen Menschengruppen, die wir aus denFenstern sehen: bronzefarbene Männer, als einzige Bekleidungin ein Stück Decke gehüllt, die irdene Gelasse von gleicherFarbe wie ihre Haut leicht auf dem Kopfe tragen, so dasssie vollkommen Statuen gleichen; (diese Gelasse sind mit ein-gemachten Früchten oder weissen Pyramiden von gezuckerterButter gefüllt); Weiber mit Robosos, zweifarbigen, kurzenRöcken, gewöhnlich ganz zerlumpt, aber dennoch mit Spitzenam Unterkleid, ohne Strümpfe, und ihre kleinen Füsse in ebensokleinen Schuhen von schmutzigem weissem Atlas steckend;Herren zu Pferde mit mexikanischen Satteln und Sarapes;miissige Leperos, lebendige Lumpenbündel, die an die Fensterkommen und mit einer höchst kläglichen, verstellten Jammer-stimme betteln oder unter den Mauerbogen liegen und sich trägeder Luft und dem Sonnenschein aussetzen oder an der Türestundenlang, an der Sonne oder im Schatten der Häuser sitzend,schmorren; indianische Weiber mit ihren engen, dunkeln Röckenund ihren rot durcbflochtenen, verschlungenen Haaren, die ihreKörbe niedersetzen, um auszuruhen und dabei bedächtigdie Haare ihrer kupferfarbigen Sprösslinge untersuchen; —kurz, wir haben genug Gegenstände, die unsre Aufmerksamkeitfesseln.
Die mexikanischen Besuche scheinen mir an Länge alleszu übertreffen, was man sonst von einem Besuche anzunehmenpflegt: nie dauern sie unter einer Stunde, und manchmalnehmen sie einen grossen Teil des Tages ein. Herren glaubensich zu jeder Tageszeit willkommen: Gehst du zum Frühstück,so gehen sie auch; zum Mittagessen, so essen sie mit; schläfstdu, so warten sie, bis du wach bist; bist du ausgegangen, sokommen sie wieder. Man sollte dieses nicht Besuche, sondernHeimsuchungen nennen. Ein offenes Haus und ein offener Tischfür Freunde, zu denen selbst alle oberflächlichen Bekannt-