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Illustrirte Weltgeschichte in Charakterbildern in verbindung mit einem Abriss der Geschichte : für Schule und Haus / bearb. von Franz Xav. Wetzel
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im Jahre 1412 im Dorfe Domremy, nahe der Grenzevon Lothringen, wurde Johanna von ihren braven El-tern, die sich kümmerlich vom Landbau ernährten, inFrömmigkeit und guter Sitte erzogen. Als Kind half sieschon ihrem Vater und ihren Brudern bei der Feldarbeit,trieb das Vieh ihres Vaters, oder wenn die Reihe sietraf, die Heerde des Dorfes auf die Weide, und gingihrer Mutter bei der Besorgung häuslicher Geschäfte anDie Hand. Ihre Güte und Bescheidenheit, ihre Arbeit-samkeit und Gottesfurcht, ihre Wohlthätigkeit und Bereit-willigkeit Kranke zu pflegen, verschafften ihr die Liebe allerDorfbewohner. Nur ihre Frömmigkeit zog ihr bisweilenven Spott ihrer Altersgenossen zu, für deren Vergnü-gungen sie keinen Sinn hatte. Oft besuchte sie die Kircheund beichtete fleißig; bisweilen fand man sie auch alleinin der Kirche knieend, mit gefalteten Händen und ihre Au-gen unverwandt auf das Bild des Erlösers und der aller-seligsten Jungfrau Maria gerichtet. Jeden Sonnabendbesuchte sie, gewöhnlich von ihrer Schwester begleitet, einenahe Kapelle der hl. Jungfrau, zündete Lichter an undbetete.

Unter diesen stillen Beschäftigungen war jedoch demMädchen das Unglück ihres Vaterlandes und des Königskeineswegs fremd geblieben. Aufmerksam hatte sie immerdie Erzählungen der Reisenden von dem Uebermuthe derEngländer, von der Bedrückung Frankreichs und von demihrem rechtmäßigen Könige Karl zugefügten Unrechte mitangehört. Alles dieses regte mächtig ihr ohnehin feurigesGemüth auf. Nirgends fand sie Ruhe mehr. Tag undNacht beschäftigte sie das Schicksal ihres Vaterlandes.Endlich glaubte sie, noch sei das Vaterland durch einesWeibes Arm zu retten. Sie bat und flehte inbrünstigzu Gott und glaubte im Traume Gott selbst und die Schutz-heiligen des Landes zu sehen, die sie zu dem glorreichenUnternehmen aufmunterten.