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mahlern zu überbieten suchte, jenes Kaiserleben fast un-heimlich erschien.
Als Karl den Abend seines vielbewegten Lebens herein-brechen sah, da zog er sich in die stille Einsamkeit vonSt. Just zurück, um sich zum nahen Uebertritte in einebessere Welt vorzubereiten. Vorher jedoch übergab er imOktober 1555 zu Brüssel in einer feierlichen Versamm-lung seinem Sohne Philipp die Regierung der Nieder-lande; Mailand und Neapel hatte er ihm schon früherabgetreten. Es war ein rührender Anblick, und Männerweinten, die nie eine Thräne vergossen hatten, als derkranke, lebensmüde Kaiser mit Mühe, auf die SchulterWilhelms von Oranien gestützt, aus seinem Sessel sicherhob und die Thaten seines Lebens kurz auseinander-setzte: Seit seinem siebenzehnten Jahre habe er neunZüge nach Deutschland, sechs nach Spanien, sieben nachItalien, vier nach Frankreich, zehil nach den Niederlan-den, zwei nach England und ebensoviel nach Afrika ge-führt, viele Friedens-und Freundschaftsverträge geschlossenund viele Siege erfochten. Dies Alles habe er der Re-ligion und des Staates wegen gethan, so lange seineKräfte hinreichten, es zu thun. Jetzt setze er aus gleichemBeweggründe a.n die Stelle eines alten, von Krankheitaufgeriebenen Mannes einen jungen, nmntern und tapfernFürsten mit der Ermahnung an seine Unterthanen, jenemtreu und gehorsam zu bleiben, und mit der Bitte an sie,ihm selbst zu vergeben, wenn er während seiner langenRegierung Etwas übersehen oder nicht mit dem Eifer ge-than habe, mit welchem er es hätte thun sollen. Hier-auf wandte er sich an seinen Sohn Philipp und er-theilte ihm mit der stillen Wehmuth eines scheidendenVaters die lehrreichsten Ermahnungen. Philipp fiel ge-rührt auf seine Kniee, küßte die Hand seines Vaters undbat um seinen Segen. Karl segnete ihn unter einemStrome von Thränen und stieg ganz entkräftet und von