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„Der Tag/' sprach sie, „»ach dem sie lange sich gesehnthabe, sei endlich eingetroffen; schon über achtzehn Jahrehabe sie im Gefängnisse geschniachtet; kein glücklicheresund ehrenvolleres Ende eines solchen Lebens könne siesich denke», als ihr Blut für ihre Religion zu vergießen."Dann zählte sie die Kränkungen auf, die sie erlitten, dieAnerbietungen, die sie gemacht, und die arglistigen Kunst-griffe und Betrügereien ihrer Feinde und schloß, die Handauf der Bibel, mit den Worten: „Was den Tod der Kö-nigin, Eurer Gebieterin, anbetrifft, so nehme ich Gottzuni Zeugen, daß ich nie nach demselben strebte und niein denselben willigte."
Der 8. Februar 1587 war der Tag ihrer Hinrichtung.Die Nacht zuvor brachte sie größtentheils im Gebete zu.Um acht Uhr Morgens trat ein Diener in ihr Gemachund zeigte ihr an, daß die Stunde geschlagen habe. „Ichbin bereit," war die Antwort, und ihr Auge strahlteFrieden. Sie bat flehentlich um einen Priester, der sieauf des Lebens letztem Gang begleite; allein auch dieseTröstung ward ihr versagt. Mit einer Miene voll Ruheund Majestät durchschritt die Königin die Halle, die zudem Saale führte, wo das Blutgerüst aufgeschlagen war.Sie hatte ihre reichste Kleidung angelegt, wie es sich füreine verwittwete Königin geziemte. Um den Hals trugsie eine Kette, an der ein goldenes Kreuz befestiget war,an dem Gürtel hing ein Nosenkranz. Sie fand auf demWege ihren Haushofmeister Melville, dem seit mehrernWochen der Zutritt zu ihr verboten war. Der alte Die-ner fiel auf die Kniee und weinte laut auf. Sie bot ihmliebreich die Hand. „Klage nicht," sprach sie, „ehrlicherMann, freue dich vielmehr; denn du wirst das Ende sehenvon Maria Stuart's Leiden. Die Welt, mein Melville,ist nur Eitelkeit, und ein Meer von Thränen würde nichthinreichen, ihre Trübsale zu beweinen. Gott vergebedenen, die seit so langer Zeit nach meinem Blute dürsten.