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1. Oktober 1684, tu Roueu in der Haltung eines fromme»Christen, wie er es sein ganzes Lebeit hindurch gewesenwar. Corneille war sehr einfach, nichts zeigte in seinemAeußern den Mann von Genie und so großem Ruhme an.Die Schale war rauh, der Kern vortrefflich; sein Herz waredelmüthig, selbst den bittersten Feinden konnte er leichtverzeihen. Er blieb stets ein treuer Gatte und vortreff-licher Vater, seine Sitten waren rein. Mit seinem Bru-der Thomas, der gleichfalls als dramatischer Dichter vonBedetttung ist, lebte er unter dem gleichen Dache in zärt-lichster Freundschaft; sie hatten Schwestern zu Frauenttub waren um Vermögensverhältnisse so unbekümmert,daß sie nie an Theilung nur dachten. Dabei aber be-saß Peter Corneille eine durchaus unabhängige Seele; erverstand nie zu kriechen.
Bald stieg neben Corneille ein nicht minder glänzen-der Stern auf, Johann Racine. Wie die Deutschenstreiten, wer größer sei, Schiller oder Goethe, so gibt esbei den Franzosen zahlreiche Schriften über Corneille undRacine. Wer ist größer? Jeder ist groß, jeder einzigin seiner Art. Bei Corneille finden wir Kühnheit, Er-habenheit, bei Racine die vollendete Durchbildung undAnmuth. Corneille ist hochfliegend, kraftvoll, Racine weich,zart, tief, ein feiner Zergliederet' des menschlichen Her-zens, der Maler der Frauen, die viel schwerer zu schil-dern sind, als die Männer; — in mehr als zwei Drittelnseiner Stücke spielen die Frauen die Hauptrolle. . Diezwei schönsten Blüthen seines Genius sind Esther undA t h a l i e. Christliche Frömmigkeit und hellenische Form-vollendung stehen hier im Bunde. Die Chöre in Athaliesind Meisterstücke der französischen Lyrik. Racine hattesich trotz seiner guten Erziehung während seines Lebensauf Abwege verirrt, sah aber später seine Irrthümer undFehltritte ein und bat bei seinem Tode Alle um Verge-bung, denen er Aergerniß gegeben habe.