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Deutsches Sprachbuch für die zweite Klasse der Sekundar- und Bezirksschulen auf Grundlage des zürcherischen Lehrplans und mit Berücksichtigung der obligatorischen Orthographie / bearb. von U. Wiesendanger
Entstehung
Seite
19
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IO. Die Schicksale^

Man fühlt sich nicht wohl, sobald man nach etwas Besseremstrebt. Ein Mensch, der mit seinem Geschicke unzufrieden war,sah die Güter anderer mit gierigen Augen an. Er belästigtedie Götter alle Tage mit tausend Klagen. An einem schönenMorgen versetzte ihn Jupiter in die himmlischen Magazine,wo in versiegelten Säcken die Schicksale der Menschen ein-geschlossen waren. „Kimm!“ sprach Jupiter, „dein Schicksalist in deiner Hand. Ich will doch wenigstens einmal einemSterblichen ganz zu Willen sein. Du bist zwar dieser Aus-zeichnung wenig würdig, und dein gottloses Murren verdienteeher meinen Zorn als meine Wohltaten. Indessen will ich esmit dir nicht so genau nehmen. Sieh! hier sind alle mensch-lichen Lose; wäge und wähle! Aber wisse, dass die glück-lichsten am leichtesten sind; nur das Unglück drückt.“ —„Weil ich selbst wählen kann“, sagt unser Mann, „so willich recht glücklich werden!“ Er nimmt den ersten Sack, dender Grossen der Erde, der unter ungeheurem Glänze drückendeSorgen verbirgt. „0!“ rief er aus, „wer eine so schwere Lasttragen will, muss stark sein; für mich ist das nicht.“ Er wiegteinen zweiten Sack, den der höchsten Beamten. Da drinnenliegen unaufhörliche Arbeit und reifliche Überlegung, derDrang, sich emporzuarbeiten, die Furcht vor Ungnade und diebesten Bäte, welche der Zufall aber auch oft zu Schandenmacht. „Webe denen, welchen diese Last zu teil wird!“ schrieunser Mann, „behüte mich der Himmel davor!“ Er geht weiter,nimmt und wiegt immer ab, tausend und tausend Säcke nacheinander, die er aber immer zu schwer findet, die einen wegenRücksichten und damit verbundenem Zwang, die andern wegenunmässigen Wünschen, und noch andere wegen Neid undFurcht, sogar einige wegen der blossen Langeweile unauf-hörlicher Vergnügungen. „0 Himmel!“ ruft er endlich müdeaus, „gibt es denn gar kein leicht zu ertragendes Geschick?“Wie er das sagt, greift er nach einem der letzten Säcke undruft freudig aus: „Da ist ja gerade, was ich brauche; dieserist nicht schwer.“ — „Er würde noch weniger wiegen“, sagtder Göttervater zu ihm, „aber mancher geniesst dieses Glückund weiss es nicht.“ — „Ich bin nicht so dumm; ich wähle