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siehe! es war der Ast eines Hollunderbaumes, und indem derKnabe über dem Bach schwebte, brach der Ast mitten ent-zwei, und der Knabe tat einen tiefen Fall in das Wasser, unddie Wellen brauseten und schlugen über ihm zusammen.
Dieses sah ein Hirt von ferne, lief hinzu und erhob einGeschrei. Aber der Knabe blies das Wasser von sich undschwamm lachend an das Ufer.
Da sprach der Hirt zu dem Jäger: „Ihr scheint EuernSohn manches wohl gelehrt zu haben; aber eins habt Ihr ver-gessen: Warum habt Ihr ihn nicht auch gewöhnt, das Innerezu erforschen, bevor er dem Zutrauen sein Herz öffnet? Hätteer das weiche Mark inwendig geprüft, er würde der täuschen-den Binde nicht getraut haben.“
„Freund!“ erwiderte der Jäger, „ich habe sein Auge ge-schärft und seine Kraft geübt — und so kann ich ihn derErfahrung anvertrauen. Das Misstrauen mag die Zeit ihnlehren! Aber er wird auch in der Versuchung aufrecht be-harren; denn sein Aug’ ist hell, und seine Kraft ist geübt.“
(Krummacher.)
Palämon und sein Nolni.
Mit tiefdenkender Miene sah der junge Palämon das Laubherabfallen und den entblätterten Baum. Sein weiser Vaterblickte den Sohn mit stiller Freude an und gab dem frommenGedanken des Knaben seinen Segen. Leise schlich er sich zuihm, bis der gefühlvolle Knabe seine Arme um ihn schlangund mit Zähren im Auge sprach: „0, mein Vater! das Blattfällt; der Baum steht entlaubt.“ — „Ist deine Seele deshalbbetrübt, mein Sohn ? Kannst du die Ordnung der Natur ändernoder die Sonne aufhalten, welche ohne Bub und Bast ihreBahn wandelt?“ — „Ach, das kann ich nicht; aber der Baumblühte so schön; seine Früchte waren so golden, seine Blätterso schattig. Sieh’ nun!“ — „Hat dich dies alles an dem Baumentzückt?“ — „Ja wohl, mein Vater!“
„Sieh!“ sprach der Greis, „der Baum hat seine jährlichePflicht erfüllt und seine Frucht getragen; gönne ihm nun auchdie Buhe! Merke dir aber, mein Sohn! Der Herbst deinesLebens kommt nur einmal. Ist dein Lenz bliitenleer und deinHerbst früchtelos gewesen, dann verblüh’st du nicht so edel,