105
zu fassen. Der venetianische Botschafter wunderte sich, ihnum nicht weniges zugänglicher und gesprächiger zu finden,als er drei Jahre zuvor in Spanien gewesen war. In Bolognahatte er ausdrücklich darum eine Wohnung genommen, auswelcher er den Papst unbemerkt besuchen konnte, um dies sooft zu tun wie möglich, um alle Streitpunkte selbst ins Beinezu bringen.
Von dem an begann er seine Unterhandlungen persönlichzu leiten, seine Heere selber anzuführen; er fing an, von Landzu Land und immer dahin zu eilen, wo das Bedürfnis und dieLage der Geschäfte seine Gegenwart erforderten. Wir sehenihn bald in Born sich bei den Kardinälen über die unversöhn-liche Feindschaft Franz I. beklagen, bald in Deutschland demBeichstage Vorsitzen, um die religiöse Entzweiung beizulegen.Dies sind friedliche Bemühungen; öfter aber steht er an derSpitze seiner Heere. Er dringt über die Alpen in Frankreichvor und überschwemmt die Provence; er setzt Paris von derMarne aus in Schrecken; dann kehrt er um nach Osten undSüden. Den Siegeslauf Solimans hält er ein an der Baab; ersucht den Halbmond bei Algier auf. Das Heer, das ihm inAfrika gedient, folgt ihm an die Elbe, und auf der LochauerHeide hört man das Feldgeschrei: Hispania. Da ist Karl dasam meisten beschäftigte Haupt der Welt. Gar manchmal schiffter über das Mittelmeer, über den Ozean. Indessen sind seineSeeleute Entdecker in früher nie befahrnen Meeren, seineKrieger Eroberer von früher nie betretenen Erden. In soweiter Ferne blieb er ihr Begierer und Herr. Sein Wahl-spruch: „Mehr, weiter!“ hat eine glorreiche Erfüllung.
So ist sein Leben, wenn wir es im Ganzen betrachten,nach ungewöhnlich langem Buhen volle Tätigkeit. Nun ist esmerkwürdig genug, dass die nämliche Erscheinung, anfangsRuhen, Warten, Zusehen, spät die Tat, auch während seinesbewegtesten Lehens in den einzelnen Ereignissen immer wieder-kehrt. Obwohl in der allgemeinen Willensrichtung völlig ent-schieden, fasste er, Fall für Fall, doch nur langsame Ent-schlüsse. Auf jeden Vertrag antwortete er anfangs unbestimmt,ünd man musste sich hüten, seine vieldeutigen Ausdrücke füre ine Gewährung zu nehmen. Dann beriet er sich seihst. Erschrieb sich oft die Gründe für und wider auf; da brachte er