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Deutsches Sprachbuch für die zweite Klasse der Sekundar- und Bezirksschulen auf Grundlage des zürcherischen Lehrplans und mit Berücksichtigung der obligatorischen Orthographie / bearb. von U. Wiesendanger
Entstehung
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108
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fanden die Deutschen auch an solchen Dingen etwas auszu-setzen. Als er vor Naumburg von einem Regen überraschtward, liess er sich sein altes Baret aus der Stadt holen undnahm das neue, das er trug, indessen unter den Arm.ArmerKaiser! dachte ich, sagt Sastrow,der Tonnen Goldes ver-bringt und um eines samtenen Käppchens willen im Regenhält. Genug, in Deutschland ward ihm nie recht wohl. DieEntzweiungen nahmen alle seine Tätigkeit hin, ohne ihm Ruhmzu gewähren; das Klima war seiner Gesundheit nachteilig;er kannte die oberdeutsche Sprache nicht recht; die Mehrzahlder Nation missverstand ihn und war ihm abgeneigt.

Sein Lehen fing spät an, selbständig zu werden, und gingihm früh dahin. Lange wollte er nicht wachsen, und manversuchte manche Küche, um ihn besser zu fördern. SeineEntwicklung blieb ungewöhnlich zurück, bis man im Jahre1521 bemerkte, dass er einen Bart bekomme und männlicherwerde. Seitdem blühte er eine Zeit lang in gesunder Jugend.Er fing an, die Jagd zu lieben. In den Alpujarren, in den1 toledanischen Heiden verlor er sich mehr als einmal soweit,dass niemand sein Horn hörte, dass etwa ein Moriske ihm amAbend den Weg weisen musste, und man in der Stadt schonLichter in die Neuster gestellt hatte und die Glocken zog, umihn zu suchen. Zu Pferde turnirte er bald in Schranken, baldin offenem Felde; er versuchte sich mit Rohr und Gineta (eineArt kurzer Lanze mit vergoldetem Eisen); auch zu Fuss blieber nicht zurück. Den Streit, den er mit Franz I. hatte, durcheinen Zweikampf zu endigen, war wenigstens hei ihm vollerErnst. Wir haben aus dieser Zeit ein Bild von ihm mit nochgeschlossenem, etwas hefehlshaherischem Mund, grossem undfeurigem Auge, gedrungenen Zügen; es ist ganze Gestalt; erfasst einen Jagdhund am Halsband. Aber allmälig und nurallzubald entwickelte sich die Trennung zwischen der obernund untern Hälfte seines Gesichts, welche seine meisten Bildercharakterisirt; die untere tritt hervor, der Mund bleibt offen,die Augenlider senken sich. Sowie er vollkommen in dastätige Lehen eintritt, ist er bereits nicht mehr gesund, und miteiner sonderbaren Art von Neid sieht er den Heisshunger an,mit dem ein eben von der Reise gekommener Geheimschreibenden Braten aufzehrt, den man ihm vorgesetzt hat. In seinem