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Fünfte Abteilung.
1. Die Feckerkircliweih in Gersau.
Als eine erst in neuester Zeit verschwundene Eigentüm-lichkeit Gersaus hatte ich oft nennen gehört die Bettler- oderGraunerkirchweih, und ich benutzte meinen dortigen Aufenthalt,darüber Genaueres zu erfahren. Was zuerst den Namen be-trifft, so hat man in Gersau nie Gaunerkilbi gesagt, sondernder offizielle Namen ist Feckerkilbi, d. i. Kirchweih der Vaga-bunden oder fahrenden Leute. Über dieses seltsame Fest gabwir mein freundlicher Berichterstatter folgende Auskunft:
Die Feckerkilbi wurde an der gewöhnlichen Kirchweih,seit 1722 am ersten Sonntag nach Auffahrt abgehalten. Vonuah und fern fanden sich Vagabunden aller Art mit WeihUnd Kind, 100 bis 200 an der Zahl, in Gersau ein. Gewöhn-lich langten sie schon am Freitag oder Samstag an, nahmenw den Ställen der umliegenden Bauernhöfe ihr Nachtquartier°der kampirten im Freien. Ein reges, munteres Lehen ent-faltete sich sofort. In malerischen Gruppen lagerten sich JungUnd Alt, Männer und Weiber bunt gemischt auf dem grünenEppich der Wiesen unter schattigen Bäumen oder auf weichemlÜoose unter Gesträuch. Da wurde gekocht, gewaschen, geflickt,gescherzt, gelacht und allerlei Mutwille getrieben, zum grossenErgötzen der schaulustigen Jugend Gersaus.
Am Kirchweihsonntag nach dem vormittägigen feierlichenGottesdienste zog sodann die ganze Feckerschar, die Weiberwit kleinen Kindern auf dem Bücken, möglichst armselig ge-kleidet, unter der Aufsicht eines vorn Bäte hiezu bestelltenBettelvogtes von Haus zu Haus im Dorfe herum, Almosen zusammeln, welche ihnen von den Häusern zugeworfen wurden,^ach diesem Umzüge entfaltete sich ein anderes Bild. Die•Becker kehrten in ihr Hauptquartier zurück, wechselten dieKleider, um möglichst aufgeputzt zu erscheinen, und nun be-gannen auch für sie die allgemeinen Kirchweihfreuden. Jung