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Deutsches Sprachbuch für die zweite Klasse der Sekundar- und Bezirksschulen auf Grundlage des zürcherischen Lehrplans und mit Berücksichtigung der obligatorischen Orthographie / bearb. von U. Wiesendanger
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Militärdienste tüchtiger; heutzutage, wo die Taktik und dieArtillerie über das Schicksal der Armeen entscheiden, erblicktman in diesen Spielen nur noch ländliche Vergnügungen. DerBoden wird durch so kräftige Arme besser bebaut; aber dieKriege werden nur durch die Disziplin und die Übermachtentschieden, und seihst die Begeisterung hat nur noch geringenEinfluss auf das Geschick der Völker, seit die Individuen inden Massen verschwunden sind, und das Menschengeschlechtscheint wie die leblose Natur von mechanischen Gesetzen regiert.

Nachdem die Spiele beendigt waren und der Vogt diePreise unter die Sieger verteilt hatte, speiste man unter Zelten,und man sang Loblieder auf das stille Glück der Schweizer.Während der Mahlzeit liess man hölzerne Trinkschalen herum-gehen, auf welchen Wilhelm Teil und die drei Gründer dereidgenössischen Freiheit eingeschnitzt waren. Man trank mitEntzücken auf die Ruhe, die Ordnung, die Unabhängigkeit,und der Patriotismus drückte sich mit einer Herzlichkeit aus,der alle Seelen durchdrang.

Noch sind die Weiden blühend wie ehedem, die Bergeeben so grün; könnte das Herz des Menschen allein wüst undöde sein, wann die ganze Natur lächelt?

Nein, ganz gewiss war es nicht so; es öffnete sich ver-trauensvoll mitten in dieser schönen Gegend, in Gegenwartdieser ehrwürdigen Menschen, die von den reinsten Gefühlenbeseelt waren. Ein armes Land von sehr geringer Ausdehnung,ohne Luxus, Pracht und Macht wird von seinen Bewohnernals ein Freund betrachtet, der seine Tugenden im Schattenbirgt und sie alle dem Glücke derjenigen weiht, die ihn liehen.Seit fünf Jahrhunderten, während welcher das Glück derSchweizer Bestand hatte, zählt man mehr weise Generationenals grosse Männer. Es ist nicht Platz vorhanden für Ausnahmen,wenn das Ganze so glücklich ist. Man meint, die Vorfahrendieser Nation walten noch mitten unter ihr; sie ehrt sie, ahmtsie nach und wiederholt ihr Tun immer wieder. Die Einfach-heit der Sitten und die Anhänglichkeit an die alten Gebräuche,die Klugheit und Gleichförmigkeit in der Lebensweise nähernuns die Vergangenheit und machen uns die Zukunft gegen-wärtig. Eine Geschichte, immer dieselbe, scheint nur einAugenblick, dessen Dauer mit Jahrhunderten gemessen wird.