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stadt Boston. Hier verwirklichten die Puritaner den Staat, den sievergeblich durch die Revolution im Mutterlande herzustellen suchten.Derselbe sollte ein Volks- und Gottesstaat zugleich sein. Wie imcalvinischen Genf wurde das Leben jedes einzelnen nach biblischen Be-griffen aufs strengste geregelt; aber es war nicht ein herrschsüchtigerPriester, sondern das Volk selber, das sich dies harte Regiment auf-erlegte. Nur Puritaner wurden willkommen geheißen; das Verständ-nis der Glaubensfreiheit war diesen Vatern der Demokratie noch fremd.Dies gab Veranlassung zur Gründung eines neuen Gemeinwesens,eines kleinen zwar, aber seiner Prinzipien wegen eines der merkwür-digsten der Welt. Ein junger puritanischer Priester, der nach Massa-chusetts gekommen war, namens Roger Williams, hatte bei derBetrachtung der Glaubenskämpfe, in welchen je nach der Ansicht derRegenten bald die Annahme, bald die Verwerfung desselben Dogmasmit Feuer und Schwert bestraft wurde, die Ueberzeugung gewonnen,daß der Staat sich nicht in Glaubenssachen zu mischen habe, unddaraus mit erstaunlicher Kühnheit die letzten Schlußfolgerungen ge-zogen. Nicht nur alle christlichen Konfessionen sollten einander gleich-gestellt werden, die Christen selber sollten wiederum kein anderes Rechtgenießen, als Juden, Mohammedaner und Heiden. Niemand soll ge-zwungen werden, einer Kirche anzugehören oder zu ihrem Unterhaltebeizutragen; der Staat soll keine Art der Gottesverehrung hemmen,aber auch keine auf Kosten der andern begünstigen, sie vielmehr alleder freiwilligen Unterstützung ihrer Anhänger überlassen. So lehrteRoger Williams die völlige Trennung von Kirche und Staat,während der Dreißigjährige Krieg Europa verheerte. Was er dachte,verkündete er von der Kanzel, im Gespräch und durch die Schrift.Den ernsten Puritanern von Massachusetts schien es, als wolle er dasVolk zur religiösen Gleichgültigkeit verführen, und sie verbannten ihnaus der Kolonie. Um einer gewaltsamen Einschiffung nach Englandzu entrinnen, floh Williams mitten in den Winterstürmen in dieWälder und fand nach wochenlangem Umherirren freundliche Aus-nahme bei einem Jndianerstamme. Nunmehr lud er seine Anhängerein, ihm zu folgen, und gründete mit ihnen die Kolonie Rhode-