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in Besitz genommen und suchte durch besondere Verhandlungen dieförmliche Abtretung dieses weiten Gebietes zu erwirken. Allein Ja-pan, England und Amerika protestierten dagegen; Rußland versprach,die Mandschurei räumen zu wollen, führte aber sein Versprechen nichtnur nicht aus, sondern schob unter allerlei Vorwänden seine Truppenbereits in die Halbinsel Korea vor. Längst herrschte in Japan diegrößte Erbitterung gegen den russischen Nachbar, der es gezwungenhatte, aus der Mandschurei zurückzuweichen, um sich selber darin fest-zusetzen. 1902 schloß es ein Bündnis mit England, das seine Spitzegegen Rußland richtete, und als dieses den diplomatischen Vorstel-lungen kein Gehör gab, eröffnete es im Februar 1904 den Krieg miteinem Angriff auf Port Arthur. Seitdem hat Japan durch die Ver-nichtung der russischen Flotten im Großen Ozean und durch seineglänzenden Siege über das russische Landheer in der Mandschurei dieWelt in Erstaunen gesetzt. Noch ist der gewaltige Ringkampf nicht zuEnde; aber soviel steht bereits als Ergebnis desselben fest, daß dasmongolische Jnselreich heute eine See- und Landmacht ersten Rangesgeworden ist, die nicht bloß dem Vordringen Rußlands Halt gebotenhat, sondern die Vorherrschaft der Europäer in Ostasien überhauptbedroht. Die oft prophezeite Erhebung der durch die Annahme dereuropäischen Kultur verjüngten „gelben" Rasse gegen ihre Lehr-meister hat damit begonnen und allgemein herrscht das Gefühl, daßdie Weltgeschichte an einem Wendepunkte stehe. Um so mehr als dieNiederlagen in Ostasien bereits ihre Rückwirkung auf das europäischeRußland ausüben, wo das despotische Regierungssystem sich voneiner Revolution bedroht und zu folgenreichen Zugeständnissen ge-zwungen sieht.
III. Die Kultur der neuesten Zeit.
1. Freiheit und Gleichheit. — Ein Rückblick auf den Gangder Ereignisse seit dem amerikanischen Unabhängigkeitskriege zeigtuns, wie langer und schwerer Kämpfe es bedurfte, um den dort ver-kündeten Prinzipien auch in Europa Eingang zu verschaffen. Aber