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Rebhühner, Turteltauben und kleinere Vögel folgten, der Fische abereine unendliche Auswahl. Dem Kämmerer der Herzogin, der eingroßer Trinker war, hatte man Veltliner aufgestellt, den der Bischofvon Chur dem Kloster gespendet hatte. Der stattliche Nachtisch,auf dem Pfirsiche, Melonen und trockene Feigen geprangt hatten,war verzehrt. Lebhaftes Gespräch an den Tischen deutete auf nichtunfleißiges Kreisen des Weinkrugs. Dann zupften und nötigteneinige an Tutilo; sie wollten ein schönes Lied anstimmen. Wie erendlich nickte, stürmten etliche hinaus; bald kamen sie wieder mitInstrumenten. Der brachte eine Laute, jener eine Geige, woraufnur eine Saite gespannt war, ein anderer eine Art Hackbrett miteingeschlagenen Metallstiften, wiederum ein anderer eine kleine, zehn-saitige Harfe. Und sie reichten ihm den Taktstock von Ebenholz.Da erhob sich lächelnd der greise Künstler und gab ihnen das Zeichenzu einer Musik, die er selbst in jungen Tagen aufgesetzt hatte;mit Freudigkeit hörten’s die andern.
Zu unterst am Tische aber saß ein stiller Gast mit blaßgelbemAngesicht und schwarzkrausem Gelock. Er war aus Welschlandund hatte von des Klosters Gütern im Lombardischen die Saum-tiere mit Kastanien und Öl herübergeleitet. In wehmütigem Schwei-gen ließ er die Flut der Töne über sich erbrausen. Dann erhob ersich und schlich leise von dannen. Es hat’s keiner im Kloster zulesen bekommen, was er in jener Nacht noch ins Tagebuch seinerReise eintrug: „Wahrhaft barbarisch ist die Rauhheit solch abge-trunkener Kehlen; wenn sie einen sanften Gesang zu ermöglichensuchen, klingt es wie das Fahren eines Wagen, der in der Winters-zeit über gefrorenes Pflaster dahin knarrt.“
Endlich sprach die Herzogin: „Es ist Zeit, schlafen zu gehen! “und ging mit ihrem Gefolge nach dem Schulhaus hinüber, wo ihrNachtlager sein sollte.
4. In der Klosterschule. Als der Abt die Herzogin durch denGarten geleitet hatte, kamen sie an einen Apfelbaum, worauf einBruder Äpfel pflückte, die er in Körbe sammelte. Da ertönte eswie Gesang zarter Knabenstimmen. Die Zöglinge der innern Kloster-schule kamen heran, der Herzogin ihre Huldigung zu bringen; blut-junge Bürschlein, trugen sie bereits die Kutte, und mancher hattedie Tonsur aufs elfjährige Haupt geschoren. Wie sie aber in Pro-zession einherzogen, geführt von ihren Lehrern, den Blick zur Erdegeschlagen, und ernst und langsam singend, da flog ein leiser Spott