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Allgemeine Geschichte für Sekundar-, Real- und Mittelschulen / von Wilhelm Oechsli
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anderen als falsch und lügnerisch angriff und selbst die ehr-würdigen vaterländischen Götter für eitle Götzen erklärte?Auch erschienen ihnen die Christen als schlechte Untertanen,weil sie sich weigerten, den Kais er bildern Wein und Weih-rauch zu opfern, wie sonst alle Angehörigen des Reichestaten, weil sie überhaupt erklärten, der Obrigkeit nur so weitgehorchen zu können, als ihre Befehle den Vorschriften derReligion nicht widersprächen. So kam es, daß nicht bloßDespoten wie Nero sie verfolgten, sondern daß selbst diebesten Kaiser im Christentum ein Verbrechen erblickten,das mit Strenge zu bestrafen sei. Jahrhunderte hindurchwaren die Christen rechtlos im Reiche. Vom guten Willeneines Nachbars, von der Laune eines Statthalters hing esab, ob sie nicht an Ketten in Bergwerke gesperrt, im Amphi-theater wilden Tieren vorgeworfen, ans Kreuz geschlagenoder lebendig verbrannt wurden. Denn das waren die Strafen,die sie alsMajestätsverbrecher undGotteslästerer nachrömischem Gesetz zu gewärtigen hatten. Aber wenn auchdie Todesfurcht manchen zum Abfall bewog, Tausende wur-den durch die Standhaftigkeit, mit der Christen und Chri-stinnen in den qualvollen Tod gingen, erschüttert und fürdie neue Lehre gewonnen. So wurden die Hingerichtetenzu Märtyrern, d. i. zu Blutzeugen des Evangeliums, undein Kirchenlehrer konnte mit Recht sagen, das Blut derMärtyrer sei der Same der Kirche. Je trauriger die Zuständeim Römerreich wurden, desto stärker schwoll die Zahlder Bekenner Jesu an. Noch einmal machte der KaiserDiokletian, der sonst ein sehr tüchtiger Herrscher war,303 n. Chr. den Versuch, die neue Religion, die ihm den Staat zu unter-graben schien, mit Stumpf und Stil auszurotten. Allerortenwurde von Behörden und Pöbel aufs gräßlichste gegen dieChristen gewütet. Keine Marter blieb unversucht, um sie zumAbfall zu zwingen. Aber der christliche Glaubensmut warstärker, als die erfinderische Grausamkeit der kaiserlichenHenker und Folterknechte. Auch hier bewährte sich die alteWahrheit, daß man Gedanken nicht mit dem Schwerte um-bringen kann.