Buch 
Allgemeine Geschichte für Sekundar-, Real- und Mittelschulen / von Wilhelm Oechsli
Entstehung
Seite
176
JPEG-Download
 

176

#

maßten sich die Päpste das Recht an, alle möglichen Kirchen-ämter selber zu besetzen, und trieben damit förmlichen Han-del. Die Kirche lehrte, daß der Papst die Macht habe, dievon Gott den Menschen für ihre Sünden zugedachten zeit-lichen Strafen zu erlassen, sogar die Seelen Verstorbeneraus dem Fegfeuer zu erlösen. Hatten die frühem Kirchen-häupter solchen Sünden ab laß an fromme Werjte geknüpft,so hielten ihn die jetzigen auch um bloßes Geld feil. JedeSünde hatte ihren bestimmten Preis. Um Geld konnte man sichvon Gelübden, von kirchlichen Geboten und Verboten los-kaufen; um Geld war in Rom und Avignon alles feil. Wiedas Haupt, so die Glieder. Auch die Bischöfe trachtetenmeist mehr nach irdischer Macht und irdischen Glücksgütern,als danach, durch erbaulichen Lebenswandel dem Volk einVorbild zu sein. Unter dem Priesterstande herrschte eineunglaubliche Roheit, Unwissenheit und Sittenlosigkeit. Inden Klöstern hatte die frühere Tätigkeit dem Müßiggangund dem Laster Platz gemacht; konnten doch in einem soberühmten Gotteshaus wie St. Gallen zuzeiten weder derAbt noch die Mönche auch nur ihren Namen schreiben.

2. Wiklif (f 1384) und Johannes Hus. — War esda ein Wunder, daß es Leute gab, die von dieser entartetenKirche nichts mehr wissen wollten und ihr die Einfachheitund Reinheit der evangelischen Zeiten gegenüberstellten!Freilich wurden solche „Ketzer“ mit Feuer und Schwertverfolgt. Päpste, Bischöfe und Mönche befaßten sich eifrigmit der „Inquisitio n“, d. h. mit der Aufspürung der Ketzer,um sie ihrer gewöhnlichen Strafe, dem Scheiterhaufen, zuüberliefern. Trotzdem wagte ein gelehrter Engländer, namensWiklif, in Wort und Schrift das zuchtlose Treiben derGeistlichkeit, die Herrsch- und Habgier der Päpste aufsschärfste anzugreifen. Gestützt auf die Bibel, die er insEnglische übersetzte, hatte Wiklif sogar den Mut, die Messe,Beichte, Bilder- und Heiligenverehrung, das Mönchtum undandere katholische Gebräuche, die sich nicht auf die heiligeSchrift gründen ließen, offen zu verwerfen. Doch blieb sein