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ihr Urheber, der Papst, verantwortlich gemacht wurde, sondernauch der rücksichtslose Kampf gegen die Kaisermacht hatte demPapsttum zahlreiche Anhänger entfremdet. Nachdem das Kaiser-tum den römischen Reichsgedanken aufgegeben und sich auf diedeutschen Lande beschränkt hatte, sank der Einfluß des Papstesnoch mehr, indem er das Bestätigungsrecht der deutschen Könige,deren Wahl ausschließlich auf die mächtigsten Fürsten, die Kur-fürsten (Mainz, Trier, Köln — die Pfalz, Sachsen, Brandenburg, Böh-men) überging, verlor. Zudem geriet der Papst in eine schmachvolleAbhängigkeit von Frankreich, wo sich eine starke Königs-macht herausgebildet hatte. Während 70 Jahren war Avignon,eine Stadt am untern Laufe der Rhone, der Sitz der Päpste, undals diese (1378) wieder nach Rom zurückkehrten, wählten die fran-zösischen Kardinäle Gegenpäpste. Ein Papst verfluchte den andernund dessen Anhang, und vierzig Jahre lang wußte das Abendlandnicht, wer Oberhaupt der Kirche war.
2. Die Verderbnis der Kirche. Schlimmer npch als diese Spal-tung war die Verderbnis der Kirche. Von der Armut Christi warbei den Päpsten nichts zu sehen. Auf alle mögliche Weise wurdedas Gold der Frommen nach Rom und Avignon gelockt. PapstJohann XXII. hinterließ bei seinem Tode 18 Millionen Goldguldenin bar und 7 Millionen an Kleinodien; andere Päpste lebten infürstlich verschwenderischer Pracht. Bischöfe und Klöster ahmtendas sittenlose Treiben des römischen Hofes nach. Immer schwung-hafter wurde mit Reliquien und geweihten Gegenständen Handelgetrieben; auch Befreiung von kirchlichen Geboten war um Geldzu haben. Durch anstößigen Lebenswandel gaben viele Geistlichedem Volke ein schlechtes Beispiel; die Mönche vieler Klöster be-schäftigten sich mit Jagd und andern weltlichen Vergnügungen,so daß Wissenschaft und klösterliche Kunst zerfielen. Das Konzilvon Konstanz (1414—18) machte nur der zwiespältigen Papstwahl,nicht aber der Verderbnis der Kirche ein Ende.
3. Der äußerliche Gottesdienst. Allgemein glaubte das Volk,durch Geschenke für Kirchenschmuck, Gemälde, Kirchenfahnen,Glasfenster, durch fleißigen Kirchenbesuch, Rosenkranzbeten, Wall-fahren, also durch Werkheiligkeit, die Bedingungen zu erfüllen, dieeinen Platz im Himmel verbürgten. Es erhoffte von den Gebeineneines Heiligen die Fürbitte für Genesung von Krankheit, Schutzvor Hagelschlag, Frost und anderem Unglück. Es brachte den