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Die Spindel wirbelnd, in die Ferne sann,
Wohl her zu ihm; und vor ihm spielt am RainSein Knabe, der den ersten Speer sich schnitzte,
Und dem so kühn das blaue Auge blitzte,
Als spräch’s: Ein Schwert nur und die Welt ist mein!Und plötzlich floß dann — wie, verstand er kaum —
Ein andres Bild in seinen Heimattraum:
Vor seine Seele drängt’ es sich mit Macht,
Wie er dereinst in heißen MorgenlandenAls Wacht an eines Mannes Kreuz gestanden,
Bei dessen Tod die Sonn’ erlosch in Nacht.
Wohl lag dazwischen manch durchstürmter Tag;
Doch konnt’ er nie des Dulders Blick vergessen,
Darin ein Leidensabgrund unermessenUnd dennoch alles Segens Fülle lag. —
Und nun — wie kam’s nur? — Über seinen EichenSah er dies Kreuz erhöht als Siegeszeichen,
Und seines Volks Geschlechter sah er ziehn,
Unzählig, stromgleich; über den GefildenVon Waffen wogt’ es, und auf ihren SchildenStand jener Mann, und Glorie strahlt’ um ihn.
Da fuhr er auf. Aus des Palastes Hallen
Kam dumpf Geräusch; der Herr der Welt war tot;
Er aber schaute kühn ins Morgenrot
Und sah’s wie einer Zukunft Vorhang wallen.
Emanuel Geibel.
11. Gegen die Seeräuber.
Die Seeräuberei war eine Hauptplage der alten Zeit. Namentlich Kretamit seinen Felsenburgen und die Steilküste von Cilicien mit ihren Fjordenund Schären bildeten herrliche Schlupfwinkel für die Freibeuter des Meeres.Besonders während der Wirren des Bürgerkrieges strömten Heimatlose,Verbrecher und Geächtete in Cilicien zusammen. Die Küstenstädte des Mittel-meeres wurden geplündert, die Bewohner in die Sklaverei geschleppt. Italienund Rom selbst litten unter der Plage. Der Handel stockte, so daß die Haupt-stadt Mangel an Getreide litt. Erst Pompejus schaffte durch einen umfassen-den Seekrieg Ruhe. Er nahm 1300 Piratenfahrzeuge, tötete 10,000 Seeräuber,zerstörte ihre Burgen, nahm 20,000 gefangen und siedelte sie meist landein-wärts an. Aber auch später wurden Verfolgungen nötig.
Ein paar Meilen südwestlich von Rom, am gleichnamigen Vor-gebirge, lag die Stadt Misenum, einer der wichtigsten Plätze der