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der Ertrag sei für die Förderung des Baues der Peterskirche bestimmt,eine Art Großhandel mit Ablaß ein und ließ die Welt von Mönchendurchziehen, die ihn in marktschreierischer Weise zu bestimmten Preisenfeilboten. Wohl lehrte die Kirche, daß die Wirksamkeit des AblassesBeichte und Reue des Sünders zur Voraussetzung habe. Aber die Ab-laßkrämer hüteten sich wohl, dies zu betonen. Der schamloseste derselben,der Dominikanermönch Tetzel, der in der Umgegend von Wittenbergin Norddeutschland sein Wesen trieb, lud die Menge ein, für einenViertelsgulden sichere Geleitsbriefe ins Paradies bei ihm zu kaufen, undsein Sprüchlein: „So das Geld im Kasten klingt, die Seele aus demFegfeuer springt," lockte Käufer in Masse herbei. Wohl kochte in mancherBrust der Ingrimm über den schmählichen Volksbetrug, aber niemandschien den Mut zu haben, offen dagegen aufzutreten. Da schlug derMönch Martin Luther, Professor an der Universität Wittenberg,am Vorabend Allerheiligen 1617 an der Türe der Schloßkirche daselbst95 Thesen (Sätze) an, worin er behauptete, daß bei Gott allein diewahre Sündenvergebung stehe, daß der Ablaß sich nur auf die äußerenKirchenstrafen beziehen könne, und daß der Papst, wenn er der Ablaß-krämer Schinderei wüßte, S. Peters Münster lieber zu Pulver verbrannt,als aus solche Weise auferbaut wissen wollte. Bald liefen die 95 Sätzegedruckt und abgeschrieben durch ganz Deutschland und lenkten die all-gemeine Aufmerksamkeit auf ihren Urheber.
4. Martin Luther (1483—1546). — Martin Luther, 1483zu Eisleben geboren, war eines thüringischen Bergmanns Sohn. Dieser,obschon anfänglich mit Glücksgütern wenig gesegnet, hatte den Knabendoch zu Höherem bestimmt und aus die Lateinschulen zu Magdeburg undEisenach geschickt, wo er nach der Weise damaliger armer Schüler sichseinen Unterricht vor den Türen singend erbetteln mußte. Später bessertensich des Vaters Vermögensverhältnisse, und Martin bezog die Hoch-schule zu Erfurt, um ein Rechtsgelehrter zu werden. Aber der plötzlicheTod eines Freundes und ein Blitzschlag, der ihn beinahe getroffen hätte,erfüllten ihn so sehr mit der Überzeugung von der Nichtigkeit alles Ir-dischen, daß er Mönch wurde und in das Augustinerkloster zu Erfurteintrat. Schwere Seelenkämpfe erschütterten hier sein Gemüt. Keine Buß-übung vermochte ihm Gewißheit darüber einzuflößen, daß er nicht ein von
Oechsli, Bilder II. und III. I. H