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dem Wege »ach China, überall zahlreiche Christengemeinden als Spurenseines Wirkens hinterlassend. Weder die Wüsten der Mongolei nochdie Grausamkeit der Neger Jnnerasrikas oder der Wilden der neuenWelt hemmten die kühnen, unermüdlichen Sendlinge der Jesuiten. Ja,es gelang ihnen, mitten in den Urwäldern Südamerikas einen Indianer-staat zu gründen, Paraguay, in dem sie die Eingeborenen nicht nurzu Christen, sondern auch zu fleißigen Ackerbauern, Handwerkern undanhänglichen Untertanen umzubilden verstanden. Mit diesen Missionenverband die Gesellschaft einen gewinnbringenden Handel, der im Vereinmit zahllosen Schenkungen und Vermächtnissen ihr unermeßliche Reich-tümer zur Verfügung stellte.
4. Die jesuitische Sitten lehre.— Wenn mau dieser groß-artigen, planvollen Wirksamkeit der Jesuiten seine Bewunderung nichtversagen kaun, so hat andererseits die vollendete Gewissenlosigkeit, mitder sie ihr vornehmstes Ziel, den Kampf gegen den Protestantismus,gegen Duldsamkeit und Geistessreiheit verfolgten, ihnen berechtigtenHaß zugezogen. Wenn das berüchtigte Wort: „Der Zweck heiligt dieMittel" sich in ihren Schriften nicht förmlich ausgesprochen findet, sowar es jedenfalls der Grundsatz, nach dem sie schrieben und handelten.Vor nichts scheuten sie zurück, wenn es den Vorteil der römischenPriesterherrschaft oder denjenigen ihres Ordens galt. Hofintriguen,Ränke und Listen allerart waren ihre gewöhnlichen Wege. Wie sie derAusrottung der Ketzer bei jeder Gelegenheit das Wort redeten,*) soverteidigten sie auch mitunter die Rechtmäßigkeit des Königsmordes,wofern der König ein Ketzer sei. Um ihr eigenes Gewissen und dasihrer Beichtkinder beruhigen zu können, sprangen sie überhaupt mit derSittenlehre auf schmählichste Weise um. Lüge, Wortbruch, Meineidunter Umständen zu rechtfertigen, war ihnen ein Leichtes. Nach ihnendurfte man alles beschwören, auch die Unwahrheit, wofern man nur
*) Mit welchem Hohn sie die Ketzcrbrändc rechtfertigten, zeich folgende Stelleaus dem Werk eines Jesuiten vom Johre 1631: „Nur diejenige», welche in die-selbe Kehcrci zurückgefallen sind, werden znm Tode vcrnrlei»; aber sie werdennicht lebendig verbrannt, sondern zuerst erdrosselt »nd dann verbrannt, falls siesich vor dem Tode bekehren und ihre» Irrtum aufgebe». Wenn sie hartnäckigbleiben, werde» sie allerdings lebendig verbrannt; aber das geschieht nicht ausHärte, sondern in der Hoffnung, ihnen die Hartnäckigkeit auszukochen."