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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / von Wilhelm Oechsli. 2. Bd. (zweiter Teil und dritter Teil / 1. Hälfte) Mittlere und neuere Geschichte
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die Reformation auch da ihre Anhänger gefunden, aber die großeMafse der Nation blieb davon unberührt und weidete sich in den Auto-dafes mit gleichem Behagen an der Todesqual protestantischer wiemaurischer und jüdischer Ketzer. Der Fanatismus des Volkes wurdevon seinen Habsburgischen Herrschern geteilt. Karl V., der in Deutsch-land aus politischen Rücksichten so lange den Versöhnlichen spielte, er-ließ in seinen Erblanden so strenge Gesetze gegen die Ketzer, daß unterihm in den Niederlanden allein Tausende enthauptet, verbrannt oderlebendig begraben wurden. In seinem Sohne Philipp II. fand derspanische Glaubenshaß recht eigentlich seine Verkörperung. Diesemfinsteren Despoten schienen alle menschlichen Gefühle zu fehlen; ließ erdoch seinen einzigen Sohn Don Carlos, der allerdings auf Fluchtund Rebellion gegen den Vater sann, verhaften und in einem Turm-zimmer einsperren, bis ihn der Tod erlöste. Seine Untertanen regierteer von seinen Schlössern in Madrid und Umgebung aus, die er fast nieverließ, mit eiserner Rute. Mißliebige Untertanen, für deren öffent-liche Hinrichtung kein rechtmäßiger Grund vorlag, schasste er sich durchMeuchelmord vom Halse. In unaufhörlichen Kriegen vergeudete er dasBlut und Gut seiner Völker und trotz alledem wurde er von denSpaniern als ein zweiter Salomon gepriesen, weil er dem Katholizis-mus mit Leib und Seele ergeben war und die Irrgläubigen mit er-barmungsloser Grausamkeit verfolgte. Er spornte die Inquisition zurastloser Tätigkeit an und hatte die Genugtuung, binnen weniger Jahredie letzten Spuren des Protestantismus aus dev Pyrenäenhalbinsel ver-tilgt zu sehen. Als ein Edelmann, der zum Flammentod geführt wurde,dem König Vorwürfe machte, rief ihm dieser zu:Wenn mein Sohnder katholischen Kirche entgegen wäre, so würde ich selbst die Reisig-bündel Herbeitragen, um ihn zu verbrennen." Hand in Hand mit seinemfanatischen Glaubenseifer ging sein maßloser Ehrgeiz. Die Welt mitseinen Heeren und Flotten zu erobern, ganz Europa unter das JochRoms und seines Schirmherrn, des spanischen Königs, zu beugen, wardas Ziel, dem er unverrückbar zustrebte, und dies schien gar nicht be-sonders abenteuerlich. Philipp war als Herr von Spanien, derFreigrafschäst, der Niederlande, Mailands, Neapelsund der neuen Welt weitaus der reichste und mächtigste Monarch

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