227
Anarchie, unter welcher das Volk unsäglich litt. Die allgemeine Un-zufriedenheit nötigte zuletzt die Konigin, 1614 wieder einmal dieReichsstände zu berufen. Die Abgeordneten des „dritten" Standesmachten energische Reformvorschläge, und ihr Hauptredner sprach dieprophetischen Worte, wenn es so fortgehe, könnte das Volk aus demAmbos einmal zum Hammer werden. Aber durch diese Kühnheit derVolksvertreter erschreckt, verständigten sich Adel und Klerus mit demHofe, um der Versammlung ein Ende zu machen. Als die bürgerlichenAbgeordneten am Tage nach jener Rede wieder zusammenkommenwollten, fanden sie die Türen geschlossen. Auf den Befehl der Königinmußten die stllats Oeosrnux auseinandergehen, um während 178Jahren nie mehr zusammen zu kommen und der unumschränkten Will-kür der Könige und ihrer Minister Platz zu machen; ihre wahre Machtfreilich hatten sie schon früher verloren (s. S. 106).
2. Richelieu Staatsminister (1624—42).— Auch als Lud-wig XIII. sich der Vormundschaft seiner Mutter entzog, wurden die Zu-stände des Reiches nicht besser, bis es endlich in dem Kardinal Ar-mand Duplessis aus dem Geschlechte derer von Richelieu einengeborenen Lenker fand. Infolge seiner glänzenden Geistesgaben warRichelieu schon mit 22 Jahren Bischof geworden und zog in der Reichs-versammluug die Aufmerksamkeit der Königin-Mutter auf sich; sie ver-schaffte ihm den Kardinalshut und ruhte nicht, bis sie seinen Eintrittin den Staatsrat durchgesetzt hatte, in der Hoffnung, an ihm ein ge-fügiges Werkzeug für ihre Absichten zu haben (1624). Nach wenigenMonaten hatte Richelieu durch die Macht seines Geistes und Willensden unbedingtesten Einfluß auf den König gewonnen; aber statt dieSache seiner Gönnerin zu fördern, zeigte er alsbald, daß die Rücksichtauf das Wohl und die Größe des Staates die alleinige Richtschnurseines Handelns war. Fortan war Richelieu der wahre Herrscher Frank-reichs. Alle Versuche, ihn zu stürzen, waren umsonst; denn Ludwig XIII.,sonst ein schwacher, kränklicher Mann, glich seinem Vater wenigstensdarin, daß er einem Diener, dessen Bedeutung und Zuverlässigkeit ereinmal erkannt, unverbrüchliche Treue bewahrte*). Dem Geiste seiner
*) Es war dies um so verdienstlicher, als Richelieu ihm gegenüber keines-wegs als Schmeichler auftrat. „Eure Majestät", schrieb er ihm einmal, „sind
1b*