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Vorn Jahr 1848 bis zur Gegenwart.
Nikolaus, im Herbste 1905 seinem Land eine Verfassung zu versprechen,die von russischen Volksvertretern geschaffen werden soll.
^Deutschland hegt Weltmachtpläne. Seine
Gründer des Reichs erwartet hatten. Reichskanzler Bismarck führtenoch zwei Jahrzehnte hindurch das Steuer mit eiserner Hand. Ent-schlossene Gegner fand er an den Klerikalen und an den Svzial-demvkraten. Im Sommer 1870 hatte ein Konzil in Rom den Papstals unfehlbar erklärt. Mit dieser Lehre waren nicht alle Katholiken ein-verstanden. Von der römisch-katholischen Kirche trennten sich in Deutsch-land und in der Schweiz die Altkath oliken. Diese neue Kirche nahmder Staat in seinen Schutz. Zwischen Bismarck und den Bischöfen, diesich ihm widersetzten, entspann sich ein Streit, den man Kulturkampfnennt (Kampf zwischen Kirche und Staat). Dieser gab dem Kanzler,welcher erklärte, er gehe nicht nach Canvssa, gar viel zu schaffen. Mitgleicher Wucht bekämpfte er die Sozialdemvkraten. Er sagte, sieseien mitschuldig an den Attentaten, welche verruchte Menschen an demallverehrten Kaiser Wilhelm I. begangen hatten, und erließ Gesetze Widersie. Er nahm ihnen das Versammlungsrecht. Dessenungeachtet stieg dieZahl der Sozialdemokraten von Jahr zu Jahr. Da betraten Bismarckund Wilhelm I. einen neuen Weg, um der arbeitenden Klaffe zu zeigen,daß sie ein Herz für sie hatten. Sie setzten wichtige soziale Reformenins Werk und stifteten 1881 die staatliche Krankenversicherungfür die Arbeiter. In den folgenden Jahren kam die Unfall- undAltersversicherung noch dazu. Das sind staatliche Einrichtungen,die leider in der Schweiz noch nicht eingeführt sind. — Seit 1871 hatdie Bolkszahl in Deutschland um 20 Millionen zugenommen. Seine Aus-fuhr hält derjenigen Englands die Wage. Früher fast nur ackerbautreibend,ist es heute ein mächtiger Industriestaat geworden. Bei der Auftei-lung Afrikas hat es sich große Landstriche gesichert, ebenso in China einKüstengebiet in „Pacht" genommen und besetzt (Kiautschou). So wurdeDeutschland eine Kolonialmacht, die über eine rasch sich vergrößerndeHandels- und Kriegsflotte gebietet.
^ Die Franzosen sind eine reiche Nation. Rasch zahlten
sie ihre Kriegsschuld an die Deutschen aus und gabenihrem Heer eine Stärke und Ausbildung, die es früher nie gehabt hatte.Ihr Verlangen nach Rache an dem siegreichen Deutschland ist Wohl nochheute in ihnen lebendig, doch lange nicht mehr so stark wie früher. DieRepublik festigte sich immer mehr. Thiers, Gambetta und ihreFreunde haben sie in den 70er Jahren treu gehütet und alle Umsturz-pläne der Monarchisten vereitelt. Diese fanden immer starken Rückhaltam Klerus. Darum schufen freigesinnte Minister, die Volkskammerund der Senat Gesetze, durch welche die Geistlichen von der Leitungder Schulen ausgeschlossen wurden. Sie wagten sogar 1906 die Tren-nung zwischen Staat und Kirche zu vollziehen, hoben das Kon-