Die Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches. 117
Wurden die irdischen Reste des königlichen Dulders in der Friedenskirche zu Pots-dam beigesetzt.
Wilhelm II-, der seinem Vater am 15. Juni 1888 in der Regierung folgte,ist am 27. Januar 1859 geboren. Schon von frühester Jugend an wurde er mitErnst und Weisheit für die große Ausgabe vorbereitet, welcher seiner harrte. Unterder Aufsicht seiner Eltern bereitete er sich für - die höheren Klassen eines Gymnasiumsvor. 1874 trat er mit seinem Bruder Heinrich in das Gymnasium zu Kassel ein.Der Vater wollte, daß seine Söhne ohne Bevorzugung vor den übrigen Schülern
sich ihre allgemeine Vorbildung erwerbensollten. Diesem Wunsche wurde in vollemUmfang entsprochen. Nachdem Prinz Wil-helm mit Fleiß und Pflichttreue sich vonKlasse zu Klasse emporgearbeitet hatte, be-stand er mit den Schülern der ersten Klassegemeinsam die Abgangsprüfung. 1877bezog er die Universität Bonn, wo erzwei Jahre lang sich mit angestrengtestemFleiße den Studien widmete. Sodanntrat er in die Armee ein, um von Stufezu Stufe aufsteigend den Dienst kennenzu lernen. Vermählt ist der Kaiser mitder Prinzessin Auguste Viktoria vonSchleswig-Holstein. Wie sein kaiserlicherGroßvater findet Wilhelm II. seine schönsteAufgabe darin, der Welt den Frieden zuerhalten. Im Innern ist er bemüht, diedurch Lebensstellung und Besitz veranlaßtenGegensätze zu versöhnen und gesunde wirt-schaftliche Zustände herzustellen. Durch ver-schiedene Übereinkommen mit England, Frankreich und Portugal sind die Grenzen desdeutschen Kolonialgebiets festgesetzt. Damit ist für die Zukunft eine neue Bürg-schaft des Friedens gewonnen. 1890 wurde von England die Insel Helgoland er-worben. Durch Erwerbung des Hafens von Kiantschou in China ist für unsere Flotteein guter Stützpunkt und für unseren Handel ein wichtiges Absatzgebiet gewonnenworden. Der Nord-Ostsee-Kanal, zu welchem Wilhelm I. den Grundstein gelegt hatte,kam unter Wilhelm II. znr Vollendung. Durch ein für ganz Deutschland gültiges„bürgerliches Gesetzbuch" ist die erstrebte Rechtseinheit erlangt.
Wirtschaftliche Fortschritte. Wie auf dem Gebiete des Staatswesens, so hat das1S. Jahrhundert auch in dem wirtschaftlichen Leben große Umgestaltungen hervorgebracht.Diese sind hauptsächlich durch großartige Erfindungen und Entdeckungen auf dem Ge-biete der Naturwissenschaft veranlaßt worden. Durch die Dampfmaschine wurdenicht nur das Gewerbewesen gänzlich umgestaltet, sondern auch das Verkehrswesen zueiner Entwicklung gebracht, die man ein halbes Jahrhundert früher kaum für möglichgehalten hätte. Deutschland, vor einem halben Jahrhundert noch überwiegend ein Acker-baustaat, weist heute eine achtunggebietende Industrie auf, die in der gcknzen Welt alserfolgreicher Mitbewerber aufzutreten vermag. Auf dem Gebiet der Gußstahlindustrieist Deutschland selbst England überlegen. 1817 besuhr das erste Dampfboot denRhein. Heute durchfurchen Tausende von Dampfern die deutschen Ströme, und 1600große Seeschiffe vermitteln den Verkehr mit fremden Weltteilen. Die erste Eisenbahnwurde 1835 zwischen Nürnberg und Fürth erbaut. 1903 hatte das deutsche Eisenbahnnetzdie Länge von 54000 Kilometern erreicht. Der Elektromagnetismus wurde 1829 vonOrstedt, Professor in Kopenhagen, entdeckt. Heute erreichen die Telegraphen- undFernsprechlinien im Deutschen Reiche eine Länge von 500000 Kilometern. Die Funken-telegraphie ist noch in ihren Anfängen. Die Photographie hat sich von unschein-baren Anfängen zu einer hochentwickelten Kunst ausgebildet. Die Chemie zeigte demAckerbau neue Wege, bereicherte unsere Naturerkenntnis und schuf ganz neue Industrie-
Wilhelm ii.
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