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75. Erlebnisse des Stadtschreibers Daniel Friese.
Erlebnisse des Stadtschreibers Daniel Friese bei der ZerstörungMagdeburgs.
(1031.)
Der Siadtschreiber Daniel Friese war erst vor kurzer Zeit von einer Beratungauf dem Rathause in seine Wohnung zurückgekehrt, als Tillys Truppen in die Stadteinbrachen. Run begann das Morden und Plündern. Der nachfolgende Berichtstammt von dem ältesten Sohne des Stadtschreibers, Namens Johann Daniel. DerEnkel des Stadtjchreibers, Friedrich Friese, übergab die Schilderung in seinemWerke: Leichte historische Fragen (Hamburg, 1703, 3 Bde.) der Öffentlichkeit.
Auch bei uns wurde angepocht. Unser Hauslehrer sah von oben hinausund rief um Gnade. Sogleich wurden zwei Schüsse nach ihm abgefeuert-Die Soldaten drohten, alles im Hause umzubringen, wenn man ihnen nichtaugenblicklich offne. Wir machten auf. Ztvei Musketiere st traten ein undverlangten Geld. Vater und Mutter gaben ihnen, was sie bei sich hatten,auch noch Kleider und Geräte. Sie entfernten sich damit und wiesen unsereBitte, uns gegen ein Lösegeld aus der Stadt zu helfen, mit der Antwortzurück, sie müßten erst Beute machen.
Nachdem die Soldaten hinweggeeilt waren, zerschlug der Vater mit einerArt Ofen, Thüren und Fenster, riß das Stroh aus den Bettstellen, warf dieGesindebctten, auch die Töpfe aus der Küche überall umher und sperrte dieHausthür angclweit auf. In einer Ecke des Flurs ließ er einen mit Speisenbesetzten Tisch stellen, jedoch so, daß derselbe nicht gleich in die Augen fiel.Die plündernden Soldaten hielten das Haus seinem wüsten Aussehen nachbereits für ausgeräumt und achteten es daher nicht mehr der Mühe wert,hineinzugehen. Unglücklicherweise aber bemerkten vier gerade vorüberkommendeMusketiere die Mutter. Sie stürzten mit ihren brennenden Lunten zu unsin die Stube und schlugen und stießen auf den Vater los. Die Mutterwehrte bisweilen mit der Hand ab; aber es half doch nichts. Wir Kinderhängten uns wie Kletten an die Soldaten und weinten und schrieen, sie solltenuns nur die Eltern leben lassen. Fern davon, über unsere Zudringlichkeitböse zu werden und uns zurückzustoßen, ließen sie sich vielmehr durch unserFlehen erweichen. Wir gaben ihnen nun einige Kostbarkeiten. Auch suchtensie sich die besten Leinensachen aus und gingen dann weg, ohne besondersnach dem Essen auf dem Tische gefragt zu haben.
Nun aber getrauten wir uns nicht länger, in der Stube zu bleiben,sondern flüchteten in eine finstere Kohlenkammer, die auf dem Hose in einemwüsten Stalle lag. Wie wir eben dahin laufen wollten, stieg ein Student,der nebenan wohnte, über das Häuschen des Brunnens, den wir mit den Nach-barn gemeinschaftlich hatten. Er wollte sein Licht bei uns anzünden. Ererzählte uns, die Soldaten, die in ihrem Hause wären, verlangten Beute;man habe alles im Keller versteckt, und es fehle an Licht, um den Plünderernhinunter zu leuchten. Als der Student mit seiner brennenden Kerze wiederzurückgeklettert war, öffnete der Vater die beiden Fallthüren am Brunnen
st Fußsoldaten mit Flinten.