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Schlaflosigkeit; denn er schlief nachts nicht mehr als drei Stun-den, und auch in diesen war sein Schlaf nicht sanft und ruhig, son-dern von wunderbaren Phantasien geängstigt. Es kam ihmunter anderm einmal vor, als erscheine ihm das Meer in irgendwelcher Schreckgestalt und rede mit ihm. So pflegte er denneinen großen Teil der Nacht, des Wachens und Liegens überdrüs-sig, damit zuzubringen, daß er, bald auf seinem Lager aufrechtsitzend, bald durch die weiten Hallen schweifend, wiederholt denTagesanbruch herbeiwünschte oder abwartete.
46. Seneca über das Lesen.
Brief, übersetzt von M., (Reclara). Der Empfänger ist der Dichterund stoische Philosoph Lucilius, ein Ereund Senecas.
Deine Briefe, und was ich von Dir höre, lassen mich vonDir Gutes hoffen; Du rennst nicht hin und her und regst Dichnicht auf durch den Wechsel des Aufenthalts. Solch unruhigesWesen zeugt von krankem Gemüt. Für das Hauptmerkmal eineswohlgeordneten Geistes halte ich das, daß man ruhig bleibenund sich mit sich selber beschäftigen kann. Du wirst selberzugeben, daß das Lesen vieler Schriftsteller und der verschieden-artigsten Bücher vag und unstät macht. Bei bestimmten Geisternmuß man verweilen und aus ihnen sich nähren, will man bleiben-den Gewinn haben. Wer überall herumschweift, ist nirgends rechtdaheim. Leute, die ihr Leben auf Reisen zubringen, haben wohlviele Gastfreunde, aber keinen wahren Freund. Ebenso muß esnotwendigerweise denen gehen, welche sich mit keinem Geisterecht vertraut machen, sondern die flüchtig und eilig alles ansich vorübergehen lassen. Eine Speise, die man, kaum genossen,wieder von sich gibt, nützt dem Körper nicht und kann nichtanschlagen. Nichts ist für die Genesung hinderlicher, als einoftmaliger Wechsel mit Arzneien; eine Wunde kann nicht heilen,wenn man immer an ihr herumexperimentiert. Eine Pflanze, dieoft versetzt wird, erstarkt nicht; nichts, wäre es auch nochso edel, bringt Nutzen im Vorübergehen. Eine Menge von Büchernwirkt zerstreuend. Da Du do'ch nicht alles lesen kannst, was Dubesitzen möchtest, so genügt es, so viel zu haben, als Du zulesen vermagst. „Aber,“ sagst Du, „ich möchte eben gerne bald