Band 
Vierter Teil.
Seite
70
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III. Das Zeitalter Napoleons I.

29. Der Erste Konsul, 1802.

Johann Friedrich Reichardt, Vertraute Briefe, aus Paris ge-schrieben in den Jahren 1802 und 1803, Bd. I, 1804, S. 292 ff.

Reichardt, 1752—1814, bekannt als Komponist und Musikschriftsteller,war eine vielseitige und vielgereiste Persönlichkeit. Im Herbst 1802 begab ersich — zum viertenmal — nach Paris und wurde bei dieser Gelegenheit baldauch dem Ersten Konsul vorgestellt.

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Bonaparte ist klein, kaum fünf Fuß hoch und äußerst mager; dünnereLenden, Beine und Arme kann man nicht leicht sehen. Brust und Schulternsind breit, so auch das Gesicht, doch ohne hervorstehende Knochen, ohn-erachtet die Haut scharf angespannt ist. Diese ist ebensoviel Olivenfarbeals gelb, ohne die mindeste Spur von Blutfarbe und alle merklicheBeweglichkeit. Die sanft gebogne Nase und der Mund sind fein geformt,und selbst das stark hervorstehende Kinn ist gar nicht unangenehm.Die Mittellinie des Mundes würde sehr angenehm sein, wenn sie nichtzu gerade wäre und beim Schweigen so scharf schlösse, daß von denLippen wenig zu sehen bleibt. Beim Reden sind diese aber immer starkauseinandergezogen und bilden ein fortdauerndes Lächeln. Die Stimmeist tief und meistens rauh und die schwachtönende Rede von so geringerModulation, daß sich kaum die Frage bestimmt heraushebt; sehr häufigist sie auch von einem heisern tiefen Lachen begleitet, das sich imInnersten der Kehle bildet und hineinwärts verliert. Die Augen sindklein und tiefliegend, ohne bestimmte Farbe und Feuer. Zuweilen glaubtman sie von bloß blauer und bald wieder von grünlicher Farbe; immerverliert sich’s aber wieder ins Graue und Unscheinbare. Der Blick istimmer unruhig, um sich her forschend. Der Übergang von der Stirnezur Nase ist nicht so griechisch, wie man ihn in den meisten Abbildungenvon Bonaparte findet, sondern macht einen merklichen, aber doch sanftenEinbug. Die Stirne ist breit und nicht von ausgezeichneter Form, wedergewölbt noch platt; meistens ist sie auch, wiewohl nur dünn, von demschwarzen Haare bedeckt, welches er rund um den Kopf trägt, ihm abersehr unbildlich steht, da es überall dünn ist und ganz schlicht, wie naß,anliegt. Dies steht besonders unvorteilhaft zu dem großen Konsularkostüme,welches Bonaparte bei den öffentlichen Audienzen trägt.

Dieses Kostüm besteht in einem etwas langen und weiten scharlach-roten samtnen Kleide mit sehr reicher Goldstickerei, die auf BonapartesKleide fast mit jeder öffentlichen Audienz immer stärker und prächtigerwurde. Auf einem dieser Kleider, welches ihm die Stadt Lyon bei seinemletzten Aufenthalte daselbst überreichte, ist die Stickerei mit grünenLorbeerzweigen durchflochten und bedeckt fast das ganze Kleid. Diesesist wie die meisten großen Kostümkleider der verschiedenen Autoritäten