Band 
Vierter Teil.
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Die Gelegenheit, mit den Engländern Mann gegen Mann zn fechten, botsich dar; wenn er es erreicht hätte, ihre Armee zu vernichten oderwenigstens einen groben Vorteil über sie zu erringen, so konnte er ver-nünftigerweise hoffen, die furchtbare Koalition aufzulösen.

Keine Katastrophe in der Geschichte kann mit der von Mont-Saint-Jean 1 verglichen werden. Sie ist die letzte unseres Ruhmes, das Grabdes Kaisers und der Franzosen. Trotz des schrecklichen Resultates ver-mag ich den Kaiser nicht zu tadeln; die Gelegenheit war einzig, umdie Engländer allein zu bekämpfen. Man mußte sie in der Front an-greifen; denn wollte man manöverieren, dann gab man den PreußenZeit, heranzukommen. Die Armee war unter diesem Gesichtspunkt auf-gestellt; man wollte, daß alles am Kampfe teilnehmen sollte. Alles istbis auf das letzte Peloton beteiligt gewesen. Es war ein Akt derVerzweiflung.

C. Äußerungen Napoleons I. auf St. Helena.

G. de Gourgaud, Sainte-Helene, Journal inedit de 1815 ä 1818 (1899).Hier nach der Übersetzung von Heinrich Conrad, Napoleons Gedanken undErinnerungen, 1904, S. 220 ff., 224, 226 f.

Gourgaud, 1783—1852, machte die meisten Feldzüge des Kaiserreichs,seit 1811 als Ordonnanzoffizier Napoleons I., mit. Während der Hundert Tagewurde er zum General ernannt. Die Jahre 1815 bis 1818 verbrachte er mit demgestürzten Kaiser auf St. Helena.

*

Ich kann den Verlust der Schlacht bei Waterloo nicht begreifen!Es ist nicht um meinetwillen, es ist wegen des unglücklichen Frankreichs!Mit 20 000 Mann weniger hätte ich immer noch die Schlacht gewinnenmüssen. Das Schicksal hat’s gewollt, daß ich sie verlor!

Armes Frankreich! Von diesen Spitzbuben, den Engländern, ge-schlagen zu werden! Allerdings waren ja früher schon Crecy und Azin-court 2 gewesen. Ich fühlte mich zu sicher, daß ich sie schlagen würde;ich hatte ihre Bewegungen erraten.

Ich hätte vielleicht, als ich die ungeheure Übermacht der Preußensah, früher den Rückzug antreten sollen. Ich hätte dann fünfzig odersechzig Kanonen verloren. Mein Plan war gelungen: ich hatte die Preußenund Engländer überrascht. Aber was wollen Sie? Eine große Schlachtist immer eine ernste Sache.

Die Engländer verdankten ihren Sieg vor allen Dingen ihrer gutenDisziplin. Sie konnten dreißig Schritte vorrücken, dann: «Halt! Feuer!Zurück! Feuer! Vorwärts dreißig Schritte», und das alles, ohne in Ver-wirrung oder Unordnung zu geraten.

Der Respekt vor mir war groß, solange ich gefürchtet war. Aberwo ich nicht das Recht des legitimen Herrschers besaß, wo ich Hilfesuchte, mit einem Wort: als Besiegter — da hatte ich nichts zu er-

1 So benennen die Franzosen meistens die Schlacht bei Waterloo.

2 Siege der Engländer über die Franzosen 1346 und 1415.

Flach u. Guggenbühl, Quellenbuch IV 9