Band 
Vierter Teil.
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Befürchtungen beseitigt. Die vorherrschende Ansicht ist auch in denKreisen der Regierung die, daß nunmehr ein Zustand, in welchen mansich leidlich eingelebt hatte, vorüber sei und daß man nunmehr vor demUngewissen und Unbekannten stehe. Am Quai d’Orsay 1 hat man, wieich wahrzunehmen in der Lage gewesen, die Zuversicht, bei Deutschlandauch künftighin dem aufrichtigen Wunsch friedlichen Nebeneinanderlebenszu begegnen. Dagegen fürchtet man von Italien, wenn auch nicht geradekriegerische Absichten, so doch Neigung zu Schikanen, wenn der Nervo-sität Herrn Crispis nicht mehr die Autorität des Fürsten von Bismarckberuhigend gegenübersteht. . . .

B. Der deutsche Militärbevollmächtigte in St. Petersburg, Oberstvon Villaume, an Kaiser Wilhelm II., 10. April.

Bei den zahlreichen Besuchen, die ich während meiner Rekonvales-zenz empfing, sowie bei den noch zahlreicheren Dankesvisiten, welcheich in der letzten Zeit abstatten mußte, brachten meine russischen Freundeund Gönner fast ohne Ausnahme sehr bald das Gespräch mit mir aufden Rücktritt des Fürsten Bismarck. Derselbe hat, soweit ich es fest-stellen konnte, und abgesehen von den wie immer höchst kindischenFolgerungen und Betrachtungen der Presse, hier überall einen depri-mierenden Eindruck hervorgerufen, der jedoch in seinen Wirkungen eineviel gerechtere Würdigung Deutschlands zur Folge gehabt hat, als diesbisher der Fall war.

Von der Freude, der sich bei dieser Nachricht anfangs ein großerTeil der russischen Presse hingab, welche das Ausscheiden «dieses offenenFeindes Rußlands und des Slawentums» aus dem Amte als ein beruhi-gendes und sogar erfreuliches Symptom anseben zu müssen glaubte, welchefür den Dreibund, beziehungsweise die Friedensliga, schon eine Grabschriftverfaßte und den Zerfall der großen Schöpfung der Jahre 1870/71 pro-phezeite, — von solchen Hoffnungen und stillen Wünschen habe ich inden Kreisen meiner Bekannten nichts gefunden. Es ist dies ein neuerBeweis der politischen Unreife und der geringen Fühlung der hiesigenPresse mit den maßgebenden Kreisen; sie trifft eben nur dann dasRichtige, wenn sie von der Regierung ein Mot d’ordre empfängt; auchdiesmal hat sie sich erst nach und nach der allgemeinen Stimmungan gepaßt.

Bei den intelligenteren Russen dämmerte es aber viel früher; dieAnfeindungen und Verdächtigungen, mit denen sie den Fürsten Bismarckseit dem Berliner Kongreß verfolgt hatten, waren plötzlich vergessen;man sah es ein, daß man in ihm nicht einen Feind, sondern einen FreundRußlands verloren hatte, und beklagte in ihm den Mann, der fast dreiJahrzehnte lang die sicherste Bürgschaft guter Beziehungen zwischenden beiden benachbarten Reichen gewesen sei und in gewisser Weiseden Frieden zwischen beiden garantiert habe; man war zu der Über-zeugung gekommen, daß Rußland es eigentlich ihm zu verdanken habe,

1 D. b. im französischen Ministerium des Äußern.