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Die italienische Regierung' hatte sich mittels Verhandlungen mitFrankreich und England Rechte erworben, die von den anderen Mächtenanerkannt worden waren und die sie in einem gewissen Zeitpunkt vordie Alternative gestellt hatten, sie entweder auszuüben oder auf sie zuverzichten. Wäre Italien nicht nach Libyen gegangen, so hätte dieseines Tages eine andere Macht getan, die dort interessiert war odersich die nötigen Interessen geschaffen hätte, und nach der tiefen Er-regung der italienischen öffentlichen Meinung über die Besitzergreifungvon Tunis durch Frankreich 1 * mußte es als ausgeschlossen gelten, daßeine Wiederholung dieses Vorgangs bei Libyen von der Nation ruhighingenommen worden wäre. Es wäre dadurch der Konflikt mit einereuropäischen Macht, also ein solcher viel schwererer Art als der mitder Türkei, in greifbare Nähe gerückt worden. Eine Verwicklung an-derer Art ergab sich aus der türkenfreundlichen Politik, in der unsereVerbündeten, zumal Deutschland, verankert waren und die sich in offenemGegensatz zu der Behandlung befand, welche die Türkei den italie-nischen Interessen gegenüber an den Tag legte. Dieser Umstand be-wog den Marchese di San Giuliano 3 , in seinem Meinungsaustausch mitBerlin und Wien die scheinbar paradoxe These zu verfechten, daß diebeste Methode, ein freundschaftliches Verhältnis zwischen uns und derTürkei herzustellen und eine einträchtige Dreibundspolitik im OsmanischenReich zu betreiben, die Okkupation Libyens durch Italien wäre.
Der Marchese, welcher als Sizilianer ein besonders lebhaftes In-teresse für Libyen empfand, hielt es für zweckmäßig zu handeln, bevornoch die zwischen Deutschland und Frankreich schwebende so schwer-wiegende Marokkofrage ihre Lösung gefunden habe, indem er annahm,daß unsere Aktion, während Europa durch die Gefahren der Marokko-krise in Atem gehalten wurde, ein geringeres Maß allgemeiner Auf-merksamkeit auf sich gelenkt hätte. Tittoni 3 machte von Paris ausdie gleichen Gründe geltend, unterließ es aber dabei nicht, die Be-fürchtung auszusprechen, die französische Regierung könne, sobald ersteinmal die Marokkobrise überwunden wäre, vielleicht auch beim Ob-walten des allerbesten Willens, die hinsichtlich Libyens übernommenenVerpflichtungen zu halten, unter den Druck der sehr mächtigen Kolonial-partei geraten, die es gewiß nicht mit freundlichen Augen betrachtenwürde, wenn sich Italien in nächster Nachbarschaft der nordafrikanischenKolonien Frankreichs seßhaft zu machen suchte. Uber die Zweckmäßig-keit eines sofortigen Eingreifens war ich anderer Ansicht, nämlich der,daß Italien keinen Schritt unternehmen dürfe, solange die marokkanischeFrage, die während der ersten Zeit meines neuen Ministeriums nochoffen war und gerade ihre gefährlichste Phase durchmachte, nicht ihreLösung gefunden hätte. Diese Frage war von einer derartigen Trag-weite, daß sie zum Funken eines europäischen Kriegsbrandes werden
1 Frankreich hatte 1881 seine Schutzlierrschaft über Tunis begründet.
a 1852—1914; 1910—1914 Minister des Auswärtigen.
3 Geboren 1849, mehrfach Minister des Auswärtigen, 1010—1916 italieni-scher Botschafter in Paris.