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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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Die neue Zeit.

§. 337.

bestimmt war, später aber auf die Protestanten allein beschränkt wurde.Darin war den Bekennern der evangelischen Kirche der Kelch und die Priester-ehe gestattet, in der Lehre von der Rechtfertigung, der Messe und einigenandern Punkten durch eine unbestimmte Fassung eine Annäherung versucht,im Gottesdienst aber und in den Ceremonieen der alte Gebrauch beibe-halten. Dieses Interim fand großen Widerspruch, weniger bei den protestanti-schen Fürsten als bei den Städten und Predigern. Die letzteren konntenweder durch Amtsentsetzung, noch durch Schädigung an Gut und Freiheit zurAnnahme einer Religionsbestimmung bewogen werden, die ihrem Gewissenwiderstrebte. Von ihren Stellen vertrieben, flohen sie die Heimat und denhäuslichen Herd, um sich auf verborgenen Wegen nach den norddeutschenStädten zu retten, die das Interim entschieden zurückwiesen. Gegen 400 Pre-diger waren landesflüchtig; den meisten bot das mit der Acht belegte Magde-burg eine Zufluchtsstätte. Auch in Sachsen, der Wiege der Reformation, ent-flohen viele Geistliche aus Haß gegen das Leipziger Interim, bei dessen Ab-fassung sich Melanchthon bei vielen den Vorwurf allzugroßer Nachgiebigkeitzugezogen. Von Magdeburg ging eine Menge heftiger Flugschriften, Satiren,Spottgedichte und Holzschnitte aus, welche Hohn und Haß gegen das Interimund dessen Urheber bei dem Volke zu erregen suchten.

Z. 337. In dem Augenblick, als der Kaiser dem Ziel seiner Wünsche nahers5i. zu sein glaubte; als das Konzil von neuem nach Trient verlegt und sogar voneinigen protestantischen Ständen beschickt wurde; als alle Umstände sich ver-einigten, ihn zum weltlichen Oberhaupt der Christenheit im mittelalter-lichen Sinn zu erheben, und er bereits mit dem Gedanken umging, seinen Sohnzu seinem Nachfolger wählen zu lassen und dadurch die Kaiserkrone in seinerFamilie erblich zu machen, da fand er einen unerwarteten Widersacher in demManne, dem er seine bisherigen Siege zu verdanken hatte in Moritz vonSachsen. Dieser kluge Fürst sah Wohl ein, in welcher Gefahr die politischeund religiöse Freiheit Deutschlands schwebe, wenn Karl V. seine Pläne zumZiele führe; er sah Wohl ein, wie sehr er sich den Haß aller Protestanten durchseinen Verrat an der gemeinschaftlichen Sache zugezogen, namentlich seitdemer im Namen des Kaisers die Vollziehung der Acht gegen Magdeburg über-nommen und die Stadt,wo das lautere Wort des Evangeliums allein nocheine Freistätte gefunden", zu belagern begonnen hatte. Nur durch eine kühneund große That konnte er seine verlorene Ehre wieder herstellen. Er schloßinsgeheim einen Bund mit mehreren deutschen Fürsten und versicherte sich derHilfe des französischen Königs Heinrich II. durch einen Vertrag, vermögedessen es diesem gestattet wurde, die Städte Metz, Toul und Verdun mitVorbehalt der Rechte des Reichs zu besetzen. Der ritterliche Markgraf Albrechtvon Brandenburg-Culmbach, Moritzens Bundesgenosse, leitete die Unter-handlungen. Hierauf gewährte Moritz der Stadt Magdeburg Gnade und R^ligionsfreiheit und brächte sie dadurch zur Unterwerfung. Dem Kaiser, der sichin Innsbruck befand, gingen Warnungen zu; aber Moritz, Meister in der Ver-stellung, wußte allen Argwohn, der in des Kaisers Seele auftauchte, zu zer-streuen; unter äußerer Fröhlichkeit und heiterer Geselligkeit verbarg er seinetiefen Pläne, und der in spanischen und italienischen Ränken geübte Karl hieltes für unmöglich, daß ein Deutscher ihn überliste. Plötzlich brach Moritz mitMärz drei Heerhaufen nach Süden auf. besetzte Augsburg und rückte in Tirol ein.rsss. Schon näherte er sich der Stadt Innsbruck, um den Kaiser gefangen zu neh-men, als eine Meuterei unter den deutschen Landsknechten dem letzteren Ge-legenheit zur Flucht gab. Bestürzt löste sich die Tridentiner KirchenversamM-lung auf und Karl floh, nachdem er den gefangenen Kurfürsten Johann Fried-rich in Freiheit gesetzt, damit derselbe in Sachsen seinem Vetter Moritz ent-