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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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Die neue Zeit.

Z. 445. 446..

gestaltung des Militärwesens nach preußischer Art die Russen gegen sich auf.Unter Mitwissen seiner Gemahlin Katharina, einer anhaltischen Fürsten-tochter, die Peter wegen ihrer Sittenlosigkeit hart behandelte, bildete sich eineVerschwörung, in deren Folge Peter Üi. von einigen russischen VornehmenAAun (Orlow) auf barbarische Weise ermordet wurde und Katharina II. sich derHerrschaft bemächtigte, die ihrem Sohne Paul gebührte. Diese rief zwar ihreTruppen von Preußen ab, bestätigte aber den mit Friedrich abgeschlossenenFrieden, und der russische Feldherr war vor seinem Abzug dem preußischenKönig noch zu einem Siege behilflich.

H. 445. Die erschöpften Staaten sehnten sich nunmehr alle nach derBeendigung des Kriegs. Das deutsche Volk, dessen Länder verwüstet, dessenGewerbsamkeit ins Stocken geraten, dessen Ackerbau verfallen, dessen Wohl-stand vernichtet war, forderte verzweistungsvoll den Frieden, was die meistenFürsten bewog, von dem Bunde wider Friedrich zurückzutreten. Und daauch Österreich in seinem Staatshaushalt zerrüttet war, so widersetzte sichMaria Theresia nicht länger der von allen Seiten begehrten Beendigung desNovember Ariegs. Ein Waffenstillstand wurde zu Unterhandlungen benutzt, die imnächsten Februar den Hubertsburger Frieden herbeiführten. In diesem wurdedem König von Preußen der Besitz von Schlesien für immer zuge-sichert. Der zu gleicher Zeit zwischen England und Frankreich in Amerrkageführte wechselvolle Land- und Seekrieg, in welchem der englische GeneralWolf bei Quebeck im siegreichen Tressen den Heldentod fand, wurde durch denPariser Frieden, worin England Canada erwarb, beendigt. Von da annahm Preußen seinen Rang unter den fünf europäischen Großmächten ein.

v) Das deutsche Reich «ud Friedrichs Alter.

§. 446. Das deutsche Reich war als Staatskörper so sehr um allesAnsehen gekommen, daß die gegen Friedrich II. erlassene Kriegserklärung wegenLandfriedensbruchs mit Hohn und Gelächter aufgenommen wurde, und daßdas Reich bei den Friedensunterhandlungen in Hubertsburg gar nicht ver-treten war. Die Macht des Kaisers war zu einem leeren Schatten, sein Ein-kommen auf wenige tausend Gulden herabgesunken. Gegen Vierthalbhunderterbliche oder gewählte Fürsten und republikanische Gemeinwesen mit der ver-schiedensten Macht und dem ungleichsten Länderbesitz herrschten mit vollkom-menen Hoheitsrechten in Deutschland und ließen dem gemeinsamen Oberhauptenichts übrig, als die Bestätigung gegenseitiger Verträge, Standeserhöhungen,Volljährigkeitserklärungen und Rangbestimmungen. BeiKriegenstandendeutscheFürsten nicht selten auf feindlicher Seite, Bayern war meist mit Frankreichim Bunde. Der Reichstag, der schon seit 1663 seinen Sitz in Regens-burg hatte und aus Abgesandten der Fürsten und Reichsstädte bestand, hattealles Ansehen verloren, indem er vor Reoen und Unterhandlungen selten zueinem Beschluß kam, oder, wenn er dazu kam, demselben keinen Nachdruck zugeben vermochte. Mit kleinlicher Eifersucht verfocht man veraltete Rechte,wachte mit der größten Sorgfalt über Rang, Titel und Stimmberechtigungund widmete zwecklosen Konsessionsstreitigkeiten alle Zeit und Thätigkeit,während fremde Völker Deutschland zum Schauplatze ihrer Kriege machtenund den ohnmächtigen Staatskörver mit Übermut und Verachtung behandel-ten. Nicht minder traurig stano es um das Gerichtswesen. DasReichs-kammergericht in Wetzlar, vor welchem die Klagen der Reichsstände untereinander oder mit ihren Unterthanen zur Untersuchung kamen, verfuhr mitsolcher Bedächtigkeit und Weitschweifigkeit, daß die Prozesse viele Jahre an-hängig waren, ehe es zum Spruch kam, daß die klagenden Parteien oft darüber