384 Zeitalter der Revolutionen und Restaurationen. §. 534. 535.
Ehrenlegion durch Verleihung zahlloser Kreuze an Unwürdige gemein undverächtlich gemacht; dem verbannten Kaiser selbst der Vertrag nicht gehalten;der Klerus und die Emigranten, die im Schlosse besonders Gnade fanden,dachten an die Wiedererlangung ihrer verlorenen Güter, Zehnten und Feudal-rechte. Eine große Verstimmung bemächtigte sich der Nation: der Wunsch einerÄnderung wurde aufs neue rege, besonders als gegen 100000 französische Sol-daten teils aus der Kriegsgefangenschaft, teils aus fremden Festungen in dieHeimat zurückkehrten und ihre bonapartistische Gesinnung im ganzen Lande
tz. 534. Als Napoleon die Fehlgriffe der Bourbonen erkannte, als er ver-nahm, daß man den Emigranten ihre Güter-zurückgeben wollte, „weil sie ausder geraden Bahn gewandelt", als er von Fouchä, Davoust, Maret, der Her-zogin von St. Leu und andern seiner Anhänger, die mit ihm in ununterbroche-nem Verkehr standen, über die Stimmung des Volkes unterrichtet wurde, dar Er, versuchte er abermals sein Glück. Mit einigen hundert Mann landete er anFrankreichs Südküste; durch mehrere klug berechnete und rasch verbreiteteProklamationen gewann er schnell aller Herzen. In kurzem prangte überallwieder die Trikolore; die zu seiner Bekämpfung ausgeschickten Truppen gingenscharenweise zu ihm über; die Bürger von Grenoble schlugen die Thore ein,7. M«rz. als er in ihre Nähe kam, und der Oberst Labedoyäre führte ihm die Be-satzung zu. Unter allen Ständen gab sich eine Begeisterung kund, wie in denschönsten Tagen vergangener Siegeszeiten. Umsonst eilte Artois nach Lyonund suchte durch Vertraulichkeit die Soldaten zu gewinnen. Der Ruf: „Eslebe der Kaiser!" schallte ihm überall entgegen, und als auch Ney, der sich ver-messen hatte, den Usurpator gefesselt nach Paris zu bringen, zu dem frühernWaffengenossen überging, da verließen die Bourbonen ratlos und bestürzt zuVzweitenmal den heimatlichen Boden. Ludwig XVIII. nahm mit wenigen Ge-sa. Mär,. freuen seinen Aufenthalt in Gent, indes Napoleon wieder in die Tuile-rien einzog und aus seinen Anhängern ein neues Ministerium bestellte. Sobegann die Herrschaft der hundert Tage und neue Kriegsstürme bedrohtenEuropa. Schon bildeten sich wieder die Klubs, schon erschallten wieder die Ge-sänge der Revolutionszeit. Aber Napoleon hatte seine Abneigung gegen Volks-bewegungen noch nicht abgelegt; auch er hatte nichts gelernt und nichts ver-gessen. Der Kaiserthron mit seinem Glanz und mit seinem Reichsadel solltewieder erstehen. Dem widerstrebte aber das Volk. Die neue Verfassung, diei. Juni. auf dem Schaufeste des Maifeldes beschworen wurde, genügte den Anforde-rungen nicht.
Z. 535. Diese Vorgänge erzeugten aus dem Wiener Kongreß große Be-stürzung und stellten die gestörte Eintracht wieder her.
Man einigte sich jetzt auch über die territorialen Fragen:
Österreich erhielt Ostgalizien, Tirol und Salzburg zurück, sowie als Ent-schädigung für Belgien und Vorderösterreich das lombardisch-venetianische Königreich,Dalmatien und die illyrischen Provinzen. Um eine starke Nordgrenze gegen Frank-reich zu erhalten, wurde die Vereinigung sämtlicher niederländischen Provinzen zueinem Königreich der Niederlande beschlossen und Wilhelm von Oranien alssouveräner König eingesetzt. In Italien bekamen die von Napoleon ihrer Länderberaubten Fürstenhäuser ihre Besitzungen mit Gewinn zurück; die Republik Genuakam an Sardinien; der Kirchenstaat wurde wiederhergestellt. Auch in Spanien undPortugal kehrten die alten Dynastieen zurück. Das Herzogtum Warschau wurdezum größten Teil mit Rußland als Königreich Polen verbunden und erhielt vonAlexander eine freie konstitutionelle Verfassung; Preußen empfing seine im TilsiterFrieden abgetretenen deutschen Gebietsteile zurück, ferner Posen nebst Danzig, die