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Neueste Geschichte. 8 623.
hälterischer Thätigkeit wieder zu Wohlstand und zu geordneten Verhältnissensich emporzuarbeiten vermochte. Aber solche Selbsterkenntnis und Resignationblieb einem großen Teil des verwöhnten und eingebildeten Volkes fremd. An-statt bußfertig und reumütig an die eigene Brust zu schlagen, schrieen dierepublikanischen Heißsporne, die Sozialdemokraten, die unteren Volksklassender großen Städte über Feigheit und Verrat, spieen Haß und Rache gegen dreDeutschen und suchten Heilung der Wunden in der Verwirklichung der altenSchlagwörter: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Unter den Männern, welchedie Nation zur Aufrichtung einer neuen Ordnung nach Bordeaux gesandt hatte,herrschte Zwietracht und Parteiwut, die noch wuchs, als der entthronte Kaiserkurz vor seiner Abreise von Wilhelmshöhe nach Chiselhurst in einem Manifestgegen die von der Nationalversammlung beschlossene Absetzung der Napoleons-schen Dynastie protestierte und eine neue Volksabstimmung forderte; in Pariswaren einzelne Quartiere, Montmartre, Belleville, Billette in wilder Gärungund die Nationalgarden, zum großen Teil aus den Arbeiterschichten gebildet,zeigten keine Neigung, die Waffen niederzulegen und sich den Geboten der Na-tionalversammlung zu fügen; eine Anzahl republikanischer Abgeordneten,darunter viele politisch bekannte Namen, gaben ihr Mandat zurück; der wackereMaire von Straßburg, Dr. Küß, schied unter den stürmischen Auftritten dieserTage in Bordeaux aus dem Leben und wurde als Leiche in seine Vaterstadtzurückgebracht; sein Herz war zusammengebrochen unter den schweren Erleb-nissen der letzten Monate! Die Aufregung nahm noch zu, als man in der Na-tionalversammlung über die Frage beriet, wo die neue Regierung ihren Sitzaufschlagen sollte, ob in Paris, in Versailles, in Fontainebleau. Man ent-schied sich für Versailles, für denselben Ort, wo den ganzen Winter über daspreußische Hauptquartier sich befunden, wo das deutsche Kaisertum aufgerichtetworden, von wo so merkwürdige geschichtliche Ereignisse ihren Ausgang ge-nommen. Dadurch trieb man tue Stadt Paris der Revolution in dre Ärme.Was im Oktober unter den gewaltigen Eindrücken des äußeren Krieges nicht8 . März. zur Durchführung gekommen, trat im März 1871 in die Erscheinung. Dievon dem Centralkomitö der Nationalgarde gewählte sozialdemokratische „Kom-mune" von Paris versagte der Regierung und Nationalversammlung zu Ver-sailles den Gehorsam und organisierte, als man sie mit Gewalt zur Unter-werfung zwingen wollte, einen bewaffneten Widerstand. Und so sah denn dieWelt das klägliche Schauspiel, daß an denselben Orten, wo kurz zuvor Franzo-sen und Deutsche mit allen Kräften gegen einander gestritten, ern schrecklicherBürgerkrieg seine blutige Fahne aufpflanzte, daß in denselben Forts, welchedie deutschen Heere kurz zuvor geräumt, das furchtbare Geschütz von neuem er-tönte, daß die Landhäuser und Gartenanlagen, die Lustschlösser und Ortschaftenin der Umgegend von Paris, welche schon während des Belagerungskrieqes vieleBeschädigungen erlitten, nun vollends im fürchterlichen Bruderkämpf der Zer-störung und Verödung preisgegeben wurden, daß die Schöpfungen der Kunst,des Luxus, des Geschmacks, die Sitze des Reichtums und der Lebensgenüsse sichin Wüsteneien verwandelten. Paris hat in den Frühlingstagen 1871 der Ge-schichte der Verbrechen und Greuel, die so oft in den Straßen der Seinestadtihren Schauplatz aufgeschlagen, ein neues dunkles Blatt hinzugefügt. Nichtnur, daß die Insurgenten die beiden Generale Lecomte und Thomas ermor-22 . März. deten, daß sie am Platz Vendome auf eine Schar unbewaffneter Bürger feuerten,welche als „Freunde der Ordnung" eine Versöhnung mit Versailles versuchen28. März. wollten, daß das Proletariat, nachdem die „kommunistische Republik" feierlichproklamiert worden, das Regiment an sich riß, durch Requisitionen und Zwangs-anleihen bei der Bank, bei Eisenbahngesellschaften und anderwärts sich Geld-