Buch 
Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
Entstehung
Seite
512
JPEG-Download
 

812 Geschichtliche Rundschau. 8.628. !

vollendetstes dramatisches Werk ist die Nibelungentrilogie. Alle diese Dichter undihre Nachahmer und Gesinnungsgenossen, wie der böhmische Freiheitssänger MoritzHartmann, standen aus einem Boden und strebten nach einem Ziele mit den negie-1821-72. renden Philosophen der junghegelschen Schule, welche eine Zeitlang die von ArnoldRüge gegründeten Hallischen Jahrbücher zum Organ ihrer schneidenden Polemikmachten, bis die sächsische Regierung durch ein Verbot der bedrängten Religion undWissenschaft zu Hilft kam. — Diesen an Zahl und Talent überlegenen Sängern einerwilden, stürmischen Freiheit und eines revolutionären Umsturzes waren die ruhigeren,besonneneren Dichter, die in der Vaterlandsliebe und in der Eintracht von Fürstenund Volk das Heil Deutschlands erblickten und aus dem Boden der Kirche beharrten,1810 ^ 4 ^nicht gewachsen. Unter den letzteren war Nikolaus Becker zu Köln der harmlosesteund unbedeutendste, so sehr er sich auch durch sein „Rheinlied" die Gunst und denDank der Fürsten und einen vorübergehenden Ruhm erworben. Ein früher Tod ent-zog den Dichter, der bisher nur der sanften Blumenpoesie sich gewidmet, heftigernpolitischen Parteikämpfen, die über seine Kräfte gegangen wären. — Mit größer»1815-84 dichterischen Gaben ausgerüstet betrat Emanuel Geibel aus Lübeck das Feld der' loyal-politischen, konservativen Poesie. Seine durch Wohllaut und Formvollendungausgezeichneten Gedichte (Zeitstimmen; Juniuslieder) beurkunden ein tiefes poetischesGemüt und eine christlich-religiöse Gesinnung. Mit feinem Verständnis hat er inVerbindung mit Paul Heyse einige ausländische (spanische und französische) Volks-dichtungen übertragen. Auch Geibel, der einige Jahre in Griechenland verlebte,hatte die Dichtkunst und ein unabhängiges Schriftstellerleben zu seinem Berufe ge-wählt, bis er in der Folge als Professor der Litteraturgeschichte an der Universität zuMünchen einen amtlichen Wirkungskreis fand, der ihm noch Zeit zu dichterischenArbeiten ließ (das Drama „Brunhilde"; „Sophonisbe" u. a. W.). Für die Un-gnade, die er sich durch ein Gedicht an den König von Preußen mit begeisterter An-erkennung der Neugestaltung Deutschlands zuzog, fand er Ersatz in dem neuen Groß-a-b^wW ^aate selbst. Am weitesten in dieser Richtung ging Oskar von Redwitz, der' Erneuerer mittelalteriger Romantik und Minneseligkeit, ein in Franken geborener, inRheinbayern herangewachsener Dichter, dessen romantisches Epos „Amaranth" einstgroßen Beifall gefunden und dem Dichter wegen der darin zur Schau getragenenfrommen katholischen Gesinnung und kirchlichen Gläubigkeit Lohn und Ehre gebrachthat. Künstlerische Anlage und dichterische Gewandtheit läßt sich nicht verkennen, aberin den weichen, verschwommenen Tönen und der empfindsamen Stimmung vermißtman Kraft und Natur. Auch in seinen dramatischen Dichtungen ist Redwitz diesemStandpunkt treu geblieben. Aber das neue deutsche Reich begrüßte er mit vaterlän-discher Gesinnung in schwungvollen Versen und erntete dafür huldvolle Dankschreibenvom Kaiser selbst, von dem Reichskanzler und von Moltke.

8- 628. Der Münchener Dichterkreis. Durch die Übersiedelung nach seinerVaterstadt Lübeck schied Geibel aus dem gebildeten Kreise Münchens aus, der vonKönig Maximilian II. begünstigt so viele schöne Früchte hervorgebracht hat. I"daulHeysediesem Kreise haben sich neben Geibel vor allen hervorgethan: Paul Heyse, geborenin Berlin, und Fr. Mart. Bodenstedt aus dem Hannöverschen. Der erstere wendetesich mit dem besten Erfolg der erzählenden Gattung, der Novelle und dem Ro-mane zu, neben welchen sich auch seine dramatischen Dichtungen, insbesonderedas Preisdrama „Die Sabinerinnen" eines großen Beifalls erfreuten. Heyses zahl-reiche Novellen und Erzählungen in gebundener und ungebundener Rede und seineRomane („Kinder der Welt"; „Aus dem Paradies" u. a.) gehören zu den beliebtestenErzeugnissen der modernen Belletristik. — Bodenstedt hat einen längeren Aufenthaltgeb.°i8ig. in Moskau und Tiflis nicht nur zu Studien über die Länder und Völker des Orientsbenutzt („Die Völker des Kaukasus"; „Tausend und ein Tag im Orient"), er hatauch in den „Gedichten des Mirza-Schaffy" die heitere Lebensweisheit der altm ara-