Buch 
Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
Entstehung
Seite
516
JPEG-Download
 

516

Geschichtliche Rundschau. §. 632.

H- geistig reichbegabte Gattin des Dichters Heinrich Stieglitz, einen tragischen Be-1803 - 51. weis. Sie gab sich selbst den Tod, in der Absicht, ihren Gatten durch einen tiefenSchmerz zu größerer Thätigkeit und Kraftentfaltung zu spornen und dadurch sein vonMißmut und Verstimmung gelähmtes poetisches Talent produktiver zu machen. Vor

K, Pichier allem wurde das Feld der Romanlitteratur von Frauen fleißig und erfolgreich be-

arbeitet. Aber wie manches Treffliche und Wohlgemeinte in den Schriften einer^nnns° Karoline Pichler aus Wien (Agathokles"), einer Henr. Wilh. Hanke, einer OttilieHank« Wildermuth oder in den deutschen Bearbeitungen der schwedischen SchriftstellerinVsW. Frid. Bremer enthalten sein mag, zu der Genialität einer Georges Sand hat sichArmuth keine deutsche Dichterin erhoben. Frau v. Hillern hat sich auch in derKunst deswir-??.Fabulierens" als die Tochter der dramatischen Schriftstellerin und Schauspielerini8oi-*« 5 ° Birch-Pfeiffer bewährt (Ein Arzt der Seele").

tz. 632. Die deutsche Wissenschaft. Während die Poesie und Kunst dasReich des Schönen zu erschließen und zu erweitern, das Leben durch ästhetische Ge-nüsse zu veredeln und zu bereichern bemüht war, suchte die Wissenschaft in die Naturund in die Menschenwelt einzudringen, hinter der Welt des Scheins und der Ver-gänglichkeit die ewige Wahrheit zu ergründen. Die Theologie suchte die Lehrender Religion, das Wesen und die Bedeutung der Offenbarung, die Entstehung undFortbildung der Glaubenssatzungen zu erforschen. Deutschland, die Geburtsstätte desProtestantismus, der Herd und Mittelpunkt der evangelischen Theologie und Philo-sophie, blieb auch in neuerer Zeit der schöpferische Boden für das Sinnen und For-schen auf religiösem Gebiet. Der alte Zwiespalt zwischen dem Rationalismus, derdas höchste Gesetz in der Vernunft als einer natürlichen Offenbarung, und demSupranaturalismus, der dasselbe in einer heiligen Überlieferung als über-natürlicher Offenbarung erkennt, wurde durch Männer wie De Wette undE Schleiermacher vermittelt und abgeschwächt. Trug schon die Hegelsche Religions-machtt Philosophie die Keime des Pantheismus in sich, so untersuchten andere kritische undverneinende Geister, wie David Fr. Strauß (Leben Jesu") und Ludwig Feuer-^Strauß bach, die Wahrheiten der christlichen Überlieferung mit scharfer Zweifelsucht. Im

L. Feuer- Gegensatz zu dem kirchenfeindlichen Zeitgeist bildete sich dann eine strenggläubigei 8 «-? 2 .pketistische Partei, an deren Spitze Männer wie Hengstenberg und Vilmar standen.

In dm Zeiten der Reaktion, unter den preußischen Kultusministern v. Räumer undv. Mühler, wurde eine übertriebene, unduldsame Rechtgläubigkeit befördert. Einerder Ersten, welche mannhaft und freimütig diesen kirchlichen Bestrebungen ent-Bunsen gegentraten, war der Freiherr K. Josias v. Bunsen in seinenZeichen der Zeit".18 M. Die freisinnigen Richtungen in der evangelischen Kirche thaten sich dann zum Schutzund Trutz in eigenen Vereinen zusammen, wie demProtestantenverein", welcherunter der Leitung von Rothe, Schenkel u. a. eine bedeutsame Wirksamkeit ausübte.Welsen- Die Reformversuche innerhalb der katholischen Kirche, dievon demFrhr. vonWessen-1774- berg, Sailer u. a. angestellt wurden und in der Bildung einer deutsch-katho-lischen Sonderkirche ihren Ausdruck fanden, erlagen mehr und mehr der überhand-nehmenden Unduldsamkeit des Ultramontanismus. Die Philosophie, wenn siegleich durch kein neues weltbeherrschendes System die früheren Lehrgebäude einesKant und Fichte, eines Schelling und Hegel (H. 450) überwand, vielmehr ihreAufgabe in der kritischen und historischen Behandlung älterer Philosophen zu lösensuchte, wie H. Ritter in Göttingen, wie Trendelenburg und sein Nachfolger aufdem akademischen Lehrstuhl in Berlin Ed. Zeller, wie Kuno Fischer in Jena, dannin Heidelberg, behauptete ihre Macht und hohe Stellung im Reiche der Wissenschaft,indem sie die durch Kritik und Erfahrung erlangten Ergebnisse zur Aufstellung all-gemeiner Gesetze verwertete und den andern Wissenschaften Formen und Methode zumabstrakten Denken und zur Spekulation darbot. Hat die Philosophie von dem kühnenKonstruktionsverfahren früherer Jahre abgelenkt, hat sie es aufgegeben, die geistigen