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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
Entstehung
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549
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Z. 642 k. Der Gang des geschichtlichen Lebms seit dem Frankfurter Frieden. 549

wegen seines Verhältnisses zu dem Bundesstaat Preußen mit der Reichsverfaffungnicht vereinbar sei. Der Landtag nahm alsdann, dem Regentschaftsgesetz entsprechend,die Wahl eines Regenten vor. Sie fiel auf den Prinzen Albrecht von Preußen. isW?'

8- 642k. Tod der Kaiser Wilhelm I. und Friedrich. Das Jahr 1888hat dem deutschen Volke schweres Leid gebracht. Am 9. März ging Wilhelm» dererste Kaiser des neuen Reichs, zu seinen Vatern ein, im 91. Lebensjahr, aber bis zu-letzt in frischer Rüstigkeit des Geistes und Leibes. Als Fürst Bismarck dem Reichs-tag die Trauerbotschaft überbrachte, äußerte er, es sei dem verstorbenen Kaiser einTrost in manchen schweren Schickungen gewesen und habe den Abend seines Lebensverschönt und beleuchtet, daß er auf die Entwickelung seiner Lebensaufgabe, dienationale Befestigung seines Volkes, mit Befriedigung zurückblicken konnte. Daseinmütige Eintreten des Reichstags für die Sicherung des Reichs habe ihn noch inden letzten Tagen gestärkt und erfreut.Die heldenmütige Tapferkeit, das hoch-gespannte nationale Ehrgefühl und vor allen Dingen die treue, arbeitsame Pflicht-erfüllung im Dienste des Vaterlandes und die Liebe zum Vaterlande, die in unseremdahingeschiedenen Herrn verkörpert waren, mögen sie ein unzerstörbares Erbteil unsererNation sein, welches der aus unserer Mitte geschiedene Kaiser uns hinterlassen hat."

Ein reiches Leben voll wunderbarer Erfolge war damit zu Ende gegangen. In dieJahre, da das alte Reich zusammenbrach, da unter der Napoleonischen Zwingherr-schaft Deutschland und Preußen zertrümmert am Boden lag, reichten noch die Kinder-erinnerungen dieses Fürsten; die Schmach von Jena und Tilsit waren seine erstenJugendeindrücke, und an der Schwelle des Greisenalters war er berufen, sein Volkdurch Ruhmesthaten ohnegleichen zu einer nationalen Erhebung und Wiedergeburtzu führen, wie sie früher auch dem kühnstm Sehnen unerreichbar geschienen. Seltenhat ein Monarch einm solchen Schatz von Volksliebe besessen und verdient, wie dererste Herrscher des wiedererstandenen deutschen Reichs. Bei aller Fülle weltlicherMacht und irdischen Glanzes blieb der Kaiser schlicht und einfach, wohlwollend undmilde. In den herrlichsten Erfolgen hat er nur die Mahnung zu um so unermüd-licherer Pflichttreue und Arbeit erblickt, nie hat ein Herrscher die Aufgaben seines hohenBerufs ernster genommen.Ich habe jetzt nicht Zeit, müde zu sein", war eine derletzten bezeichnenden Äußerungen des Sterbenden. Bei allem kriegerischen Ruhm warstets sein Streben, die Segnungen des Friedens der Welt und seinem Land zu er-halten. Ferne Generationen noch werden den Kaiser Wilhelm den erhabensten Herr-schergestalten der deutschen Geschichte an die Seite stellen; die Erfüllung der patrioti-schen Träume, die Erhebung des deutschen Vaterlandes aus Jahrhunderte langemUnglück wird ewig mit seinem Namen verknüpft bleiben. Für das junge deutscheReich war es ein großer Segen, daß in den Jahren, da es seine Wurzeln fest in denBoden schlagen mußte, ein Herrscher von so gewaltigem Ansehen im Ausland und inder Heimat, im Besitz eines so unerschöpflichen Schatzes von Volksliebe und Verträum,weit über die sonst den Menschen zugemessene Zeit hinaus die Krone tragen durfte.

Ein menschlich schönes und für die Geschicke Deutschlands höchst wohlthätiges Ver-hältnis herrschte zeitlebens zwischen dem Kaiser und seinem großen Staatsmann FürstBismarck. Was dem Hinscheiden des greisen Monarchen noch einen besonders tragi-schen Zug hinzufügte, war die schmerzliche Gewißheit, daß sein einziger Sohn eindem nahen Tod verfallener Mann war. Seit Jahresfrist litt der Kronprinz an einemunheilbaren Krebsleiden im Kehlkopf, gegm das die Kunst der Ärzte vergeblich an-kämpfte, eine tieftraurige Leidensgeschichte. Der Thronerbe, den man bisher als dasBild männlicher Kraft und frischen Lebensmutes gekannt hatte, der ruhmvolle Heer-führer aus der großm Kriegszeit, eine Erscheinung, die alle Herzen gewann, ein Fürstvon hochgebildetem Geist, der Kunst und Wissenschaft zugethan, von edlen Sitten undfreien Anschauungen, rang hoffnungslos mit einer tückischen Krankheit. Er weiltefern im Süden, in Sän Remo, um Linderung seiner Leiden zu suchen, als ihn der