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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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§. 665.

Geschichtliche Rundschau.

verwildertsten Gestalt trat die revolutionäre Zeitkrankheit, der Haß gegen die be-stehenden Ordnungen in Staat und Gesellschaft, in den russischen Nihilisten auf.Die Halbkultur der höheren russischen Gesellschaft, der unvermittelte Gegensatz zwischeneinem äußerlichen leichten Civilisationsfirniß und einer unausrottbaren Barbarei, warein fruchtbarer Boden für die Auswüchse und Sumpfpflanzen der socialen Bewegung.Die tiefe Korruption, die der Staatsverwaltung und der höheren Gesellschaft Ruß-lands als traurige Frucht eines jahrhundertelangen Despotismus anhaftet, führteden umstürzenden Bestrebungen auch manche besser angelegte Anhänger zu. In er-schreckenden Frevelthaten machte sich diese unheimliche Bewegung Luft. Zusammen-rottungen unter den Studenten, Mordanfälle auf hochgestellte Personen, Unter-schleife und Bestechlichkeit in angesehenen Beamtenkreisen und andere Erscheinungenwaren deutliche Beweise, daß im Staate Rußland manches faul sei. GewaltigesAufsehen erregte in ganz Europa die Kunde, daß der Leiter der Polizei, GeneralTrepow, von einem jungen Mädchen namens Vjera Sassulitsch durch einenRevolverschuß schwer verwundet und sein Nachfolger, General Mesenzew, voneinem Unbekannten und Unentdeckten ermordet worden, daß jene Thäterin von demGeschwornengericht freigesprochen und mit befreundeter Beihilfe in das Ausland ge-flüchtet sei, daß ein anderer hoher Beamter, der Gouverneur von Charkow, FürstKrapotkin, nihilistischem Meuchelmord zum Opfer gefallen, ja daß sogar der Kaiserfllbst auf einem Spaziergang in der Nähe seines Palastes von Mörderhand bedrohtD^ember worden und daß er innerhalb weniger Monate zwei neuen Attentaten auf derFebruar Moskauer Eisenbahn und im kaiserlichen Winterpalaste in Petersburg nur wieisso. durch ein Wunder entgangen sei. Um den konspiratorischen und revolutionärenUmsturzplänen der Nihilistenpartei nachdrücklicher zu begegnen, faßte man den Ent-schluß, eine eigene Behörde unter der Leitung des Grafen Loris-Melikow zu er-richten und dieses Regierungskollegium und sein energisches Haupt mit solchen Voll-machten auszurüsten, daß es einer Diktatur gleichkam. Dadurch wurde auf einigeZeit ein Zustand von Ruhe und Sicherheit herbeigeführt, so daß die Jubelfeier derfünfundzwanzigjährigen Regierung Alexanders II. sich zu einem Nationalfest gestaltete,an dem das Volk mit Stolz und Befriedigung auf das segensreiche Regiment voll groß-artiger Fortschritte und civilisatorischer Thaten auf allen Gebieten des Staats- undRechtslebens zurückschallen konnte. Aber für den Zaren sollte das Jubelfest dasletzte schöne Abendrot seines vielbewegten Lebens und seiner ereignisvollen Regierungsein. Ein Jahr nachher wurde er bei einem militärischen Schaufest durch ein Spreng-geschoß so gefährlich verwundet, daß er als Sterbender in den Kaiserpalast gebrachtwurde, um dort nach wenigen Stunden seinen Geist aufzugeben. Bei der Gerichts-verhandlung gegen die Thäter und Urheber des Verbrechens (Russakow) enthüllte sichein schauderhafter Abgrund von Missethaten und konspiratorischen Geheimbünden invielverschlungenen Verzweigungen, deren Fäden sich in alle Kreise der Gesellschaftverliefen. Nun bestieg der Großfürst als Alexander Hl. den Zarenthron. ZweiJahre später starb in Baden-Baden in dem hohen Alter von 85 Jahren FürstGortschakow, der drei Jahrzehnte lang auf den Gang der russischen Weltpolitikeinen tiefgehenden, nicht immer glücklichen Einfluß ausgeübt hatte. Schwankendzwischen absolutistischen und liberalisierenden, zwischen panslavistisch-kriegerischen unddreikaiserbündisch-friedlichen Neigungen trat das neue Regiment auf; das alte Ein-vernehmen mit Deutschland konnte nicht völlig hergestellt werden, und in den Ostsee-provinzen wurde ein systematischer Kamps gegen die deutsche Schule und Sprache,sowie gegen die lutherische Kirche eröffnet. Das gewaltige Reich, äußerlich immerriesenhafter anwachsend, im Innern immer mehr unterwühlt und zersetzt, ist einesder merkwürdigsten Probleme für die Gestaltung der Weltlage geworden.