Band 
I. Teil. Von der germanischen Urzeit bis zur französischen Revolution.
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Der germanische Volkscharakter.

Von Georg Steinhaufen.

Die schwierige Frage vom germanischen Volkscharakter wird häu-fig gar nicht'als solche empfunden, sondern durch eine oberflächliche Her-zählung einer Reihe „echt germanischer Züge" rasch erledigt. Eine Skepsisandererseits gegenüber dem Begriff eines germanischen Volks-charakters ist durchaus unangebracht. Der nationale Aufschwung un-seres Volks hat die Neigung, deutsche Art zu erkunden, mächtig gefördert,zuweilen allerdings eine Deutschtümelei nach Art der früheren Romantikherbeigeführt. Oft wird dabei übersehen, daß vieles ursprünglich undvolkstümlich Scheinende dies gar nicht ist; oft werden hinwiederum dieErrungenschaften kultureller Erziehung gegenüber dem Rohen und Zu-rückgebliebenen unterschätzt. Andererseits ist trotz Romanisierung undsonstiger Kultureinflüsse der ursprüngliche Charakter niemals ganz zer-stört worden. Er hat das Übemommene eigenartig gefärbt, er bricht zuallen Zeiten wieder hindurch, und in besonderem Grade hat er sich beidem Landvolk, zum Teil nur wenig beeinflußt, bis in die neuere Zeit er-halten, wobei man sich aber vor Illusionen, wie gesagt, zu hüten hat.Freilich ist der namentlich am niederen und am Landvolk zu studierendeVolkscharakter wesentlich Stammescharakter. Dieser Stamm ist reinerdeutsch als jener. Und dennoch, durch alle Stammesverschiedenheiten undebenso durch die ganze Geschichte, durch die ganze Entwicklung der deut-schen Kultur, durch die sozialen Ungleichheiten leuchtet ein Gemeinsameshindurch, die deutsche Art, der deutsche Mensch. Diese Eigenart, die jedesVolk ausweist, eines schärfer als das airdere, hat nun auch schon der Ger-mane gezeigt. Eben die Beobachtungen, die von fremder Seite so frühüber den germanischen Menschen angestellt sind, erlauben uns, was beiden meisten Völkern nicht leicht möglich ist, diese Eigenart schon damalszu erkennen. Mancher dauernd charakteristische Zug erscheint freilich nochin schrofferer, ungemilderter Form. Aber man darf die Eigenart aufdieser frühen Stufe nicht überschätzen. Viele Züge tragen ganzoder wie der kriegerische wenigstens bis zu einem gewissen Grade nur dasGepräge der damaligen Kulturstufe. Wie für die wirtschaftlichen Zu-stände gilt es auch für das innere Leben neben eigentümlich germanischenimmer die Züge zu betonen, die den frühen Stadien der Entwick-

Schmieden, Leltüre. I. Teil. 1