28
Bernhard Kugler.
Die furchtbare Größe des weltgeschichtlichen Trauerspieles, welchessich im Zeitalter der Kreuzzüge vollendet hat, wird also erst dann in ihremganzen Umfange erfaßt, wenn man sich vergegenwärtigt, welches Elenddie Muselmänner, und vornehmlich die Osmanen, in den nachfolgendenJahrhunderten über den von ihnen beherrschten Länderkreis gebrachthaben. Für all dieses Unheil soll nun der Fortschritt, den die abend-ländische Kultur seit den Tagen Gottfrieds von Bouillon ausweist, einenausreichenden Ersatz gegeben haben. Prüfen wir, inwiefern eigentlich wirdieses Urteil als berechtigt anerkennen können.
Der Pilger lernte, wenn er die eng begrenzte Heimat verließ, einengroßen Teil der bewohnten Erde kennen. Wechselnde Bilder zogen vorseinem Auge vorüber. Fremdartige Landesgestaltung, seltsame Tiere undPflanzen, der heitere Himmel des Südens regten ihn mächtig an. Erverkehrte unter Menschen, mit denen er sich oftmals nur durch Zeichenverständigen konnte. Die Kleidung und Bewaffnung derselben warenihm neu; die Anlage der Ortschaften, die Einrichtung der Häuser, dieForm jeglichen Gerätes gab ihm zu denken. Im griechischen Gebiete wieim Morgenlande waren lehrreiche Überreste des antiken Lebens nochvorhanden: von der Staatsverwaltung des römischen Kaiserreiches hattensich militärische Einrichtungen und die Grundlagen des Steuerwesens,wenn auch mannigfach verwandelt und verschlechtert, dennoch von Ge-schlecht zu Geschlecht vererbt. Die gelehrten Männer am Bosporus er-hielten in emsigem Sammlerfleiße die Schätze der klassischen Literatur;unter den Muselmännern wurde die Philosophie und Naturkunde derHellenen mit Vorliebe und Einsicht gepflegt. Im Betriebe der Land-wirtschaft, in den meisten Zweigen der Industrie, an künstlerischem Ver-mögen waren die Bewohner der alten Kulturländer zwischen Donauund Euphrat den Franken weit überlegen. Die köstlichsten Erzeugnissealler Zonen, die bei ihnen zusammenströmten, ließen diese Übermachtim hellsten Lichte erscheinen: ihre großen Städte boten dem Lerneifer desPilgers ein kaum zu bewältigendes Material des Wissenswertesten dar.Außerdem waren schon die Griechen keine päpstlichen Christen, die Musel-männer gar Feinde des Kreuzes, und doch erschienen sie nicht als Unge-heuer und Dämonen, wie die kindliche Phantasie manches Frommenunter den ersten Kreuzfahrern erwartet haben mochte. Im Gegenteile,der ritterliche Sinn der Pilger wurde zur Bewunderung hingerissen durchdie Güte und Freigebigkeit, die Tapferkeit und Redlichkeit mohammeda-nischer Herrscher: man lernte den Feind achten und gewöhnte sich, mitihm zu verkehren wie mit seinesgleichen. Der Geist der Duldung zog einin die Herzen und mit ihm der Geist des Zweifels an der Allgewalt derPäpste und der Unfehlbarkeit der kirchlichen Lehre.
Das jugendliche Europa hat auf seinen orientalischen Studienreisen,wie man wohl einmal die Kreuzzüge nennen darf, eifrig und mit großemErfolge gelernt. Unsere Sprachen zeigen in der erstaunlichen Fülle