Band 
I. Teil. Von der germanischen Urzeit bis zur französischen Revolution.
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Städtisches Dasein im spateren Mittetatter.

Von Karl Lamprecht.

I. Der äußere Stadtbering.

Deni Wanderer, der sich in den schönen Tagen des mittelalterlichenBürgertums, etwa in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, demUmkreis einer größeren Stadt näherte, bot sich ein Anblick, der ihm ohneweiteres die Bedeutung seines Reisezieles vergegenwärtigte. Stolzund fast aufdringlich hob sich vom Horizonte die Silhouette der Stadtab mit ihren Türmen und Türmchen, mit ihren Kapellen und Kirchen;schon damals zeigten die Städte von außen her jenen Aufriß, den unsnochcheute die großen Holzschnittprospekte aus den ersten Jahrzehntendes 16. Jahrhunderts, wenn auch in etwas idealer Perspektive, ver-mitteln.*)

Vor allem siel sofort die gewaltige Befestigung auf. Schon dasengere städtische Territorium, das regelmäßig die alte Stadtmark, häufigaber einen um vieles größeren Bezirk umschloß, war in die Befestigungmit hineingezogen; seine Grenzen wurden von der Landwehr umfaßt,einem Wall mit vorliegendem Graben, der oft noch fortifikatorisch durchsogenannte Knicke oder Gebücke verstärkt war und den wohl ragendeWarttürme in bestimmten Entfernungen unterbrachen. Und auch da,wo die Landwehr weniger stark befestigt war, fehlte wenigstens nicht eineweitschauende Warte, von der aus ein städtischer Wächter Umschau hieltund seine Wahrnehmungen durch optische Zeichen der städtischen Be-satzung vermittelte. Nicht selten waren die Warten Bauwerke von großerAusdehnung und schönen Verhältnissen, und noch jetzt gibt es dereneinige, welche das Land weithin schmücken, so die hochragende Warte vonAndernach. Bei größeren Städten aber wurde ein Aufseher auf derWarte geradezu zum Vorstand eines ausgedehnten Meldewesens, dasbald in der Form einfacher Kundschaftung, bald in der der Geheimagenturdie Grenzen des städtischen Territoriums überschritt.

*) Zu diesem Kapitel vgl. den Vortrag des Verfassers über deutsches Städte-leben am Schluß des Mittelalters in der Sammlung von Vortrügen herausgegebendurch Fromme! und Psaff XII, 3.